Sport : Party in der Pralinenschachtel

Maradonas Heimat: der legendäre Fußballklub Boca Juniors wird 100 Jahre alt

Marcus Pfeil[Buenos Aires]

Es riecht nach Urin und Schweiß. Manchmal auch nach Marihuana. Donnernde Pauken heizen die Luft mit Rhythmus auf. Blondierte Cheerleader bringen die Stimmung schon vor dem Spiel zum Sieden. Marcello steht mitten im tobenden Wahnsinn der Fans. Er ist zum ersten Mal in der Pralinenschachtel, „Bombonera“, wie die Fans der Boca Juniors ihr Stadion am alten Hafen von Buenos Aires nennen. Normalerweise kutschiert Marcello an den Wochenenden Touristen durch die Stadt, er ist Busfahrer. Heute freut er sich wie ein kleiner Junge, der zum ersten Mal mit seinem neuen Fußball spielen darf. Ohrenbetäubender Lärm im Stadion. 57000 Zuschauer singen, tanzen, kreischen. Es ist ein ganz normales Ligaspiel, Boca gegen Independiente. Boca gewinnt 2:1.

Am Sonntag will Marcello mit seiner siebenjährigen Tochter wieder ins Stadion, zur großen Geburtstagsfeier. Die Boca Juniors werden 100 Jahre alt. Für das Jubiläum scheut der schwerreiche Präsident Mauricio Macri weder Kosten noch Mühen. Eine riesige Party soll es denn schon werden. Alle werden da sein: Joseph Blatter, Präsident des Weltverbandes Fifa, die Altstars Michel Platini und Franz Beckenbauer. Und Diego Armando Maradona, wenn es die Gesundheit denn zulässt. Vor einer 1200 Quadratmeter großen Leinwand sollen die Fans feiern und sich erinnern – an die glanzvollen Momente Bocas, an Titel und Trophäen und an die Anfänge vor 100 Jahren.

Es waren fünf Söhne italienischer Immigranten, die den Verein am 3. April 1905 aus der Taufe hoben, nach dem Hafenviertel La Boca benannten und mit dem Zusatz „Juniors“ versahen, eine Hommage an die Engländer, die den Fußball nach Argentinien gebracht hatten. Und die Vereinsfarben? Die Flagge des ersten Schiffes, das den Hafen von Buenos Aires anlief, sollte den Bocas ihre Farbe geben, so die Abmachung. Es war ein schwedisches.

Die Blau-Gelben haben seither 19 nationale Titel gewonnen, sie haben fünfmal die „Copa Libertadores“, die südamerikanische Champions League, mit nach Hause gebracht und sie waren dreimal Weltpokalsieger, zuletzt im Jahr 2000 gegen Real Madrid und drei Jahre später gegen den AC Mailand. Klangvolle Namen spielten für Boca: Alfredo di Stefano, Gabriel Batistuta, Walter Samuel, Juan Román Riquelme oder Carlos Tevez, Torschützenkönig bei den Olympischen Spielen in Athen, der vor der Saison für 18 Millionen Dollar zu Corinthians Sao Paulo wechselte.

Eine Legende ist der Verein schon immer, spätestens aber seit 1981, als ein 20-Jähriger mit einem lupenreinen Hattrick die Schwarz-Roten, den Erzrivalen River Plate, im Alleingang abschoss. Es war der Tag, an dem sich Diego Armando Maradona in die Herzen der Boca-Fans spielte. Noch heute huldigen Plakate im Stadion dem unvergessenen „El Diego“, obwohl er in nur 42 Spielen für Boca auf dem Rasen stand.

Aber der „Superclásico“, das Duell des volkstümlichen Bocas gegen das mondäne River Plate, zählt nun einmal mehr als alles andere. Es spaltet die Stadt, es spaltet das Land und es spaltet Familien. Marcellos Frau und seine ältere Tochter kommen am Wochenende nicht mit zur Boca-Party. Sie sind für River.

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