Sport : Passend zur Stimmung

Nach dem ersten Saisonsieg ist bei Hertha BSC die Lage endlich so gut wie die Laune

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Falko Götz, der Trainer von Hertha BSC, besitzt einen Sinn für die große Inszenierung. Nach dem ersten Saisonsieg seiner Mannschaft, dem 2:0 beim 1. FC Kaiserslautern, hat Götz dieser Neigung wieder einmal nicht widerstehen können. Er sprach zu den Vertretern der Presse, seine Stimme wirkte angestrengt, und das Erste, was Götz sagte, war: „Wir können’s doch noch.“ Dann machte er eine kleine Pause, und wahrscheinlich erwartete er für seinen Satz den Szenenapplaus der Journalisten.

Wenn die große Öffentlichkeit zuschaut, scheint Götz zu glauben, dass er sich anders geben muss, als er es im kleinen Kreis tut. In der vorigen Woche zum Beispiel, nach der Niederlage in Hamburg und vor dem Spiel in Kaiserslautern, wirkte er in vertrauter Umgebung überraschend locker. Er hat viel gelacht, obwohl es für den Berliner FußballBundesligisten eigentlich nicht viel zu lachen gab. Überhaupt war die Stimmung bei Hertha viel besser als die Tabellensituation.

Man konnte das Gefühl gewinnen, einem psychologischen Experiment beizuwohnen: Wie lange können wir uns unsere gute Laune bewahren, wenn um uns herum alles negativ ist? Wenn die Mannschaft auf einem Abstiegsplatz festhängt. Der Trainer bereits in Frage gestellt wird. Die Stürmer nicht treffen. Und überhaupt über allem der Schatten der dunklen Vergangenheit liegt. Normalerweise ist es ja so, dass zuerst die Erfolge kommen und dann die gute Laune. Bei Hertha war es umgekehrt, aber jetzt, nach dem Sieg in Kaiserslautern, scheint es fast so, als hätten die Berliner den Erfolg herbeigelacht.

„Das ist ein schöner Samstagnachmittag gewesen“, sagte Manager Dieter Hoeneß nach dem 2:0 auf dem Betzenberg. Zum ersten Mal in dieser Saison entspricht die aufgeräumte Stimmung bei Hertha damit der objektiv messbaren Situation der Mannschaft. In der Tabelle haben die Berliner einen Satz ins vordere Mittelfeld gemacht, und trotz der spielerisch keineswegs überzeugenden Leistung in Kaiserslautern gibt es einige Parameter, die für den Beginn einer stabilen Entwicklung sprechen.

Mindestens zwei Wochen wird die positive Grundstimmung in Berlin anhalten. „Bei einer Niederlage wäre es eine Katastrophe gewesen“, sagte Kapitän Arne Friedrich. So aber besteht für Hertha erst nach der Länderspielpause wieder die Möglichkeit, einen Rückschlag zu erleiden, wenn die auswärts noch sieglosen Leverkusener ins Olympiastadion kommen. „Endlich haben wir es mal geschafft, mit einem positiven Ergebnis in die Pause zu gehen“, sagte Hoeneß. „Das baut auf.“

Zu einem besseren Zeitpunkt hätte das spielfreie Wochenende für Hertha kaum kommen können. Arne Friedrich und Yildiray Bastürk, die nach ihren Verletzungen in Kaiserslautern zum ersten Mal wieder spielen konnten, haben nun zwei Wochen zusätzlich Zeit, ihren Fitnesszustand auf Bundesliganiveau zu bringen. Mit der Rückkehr der beiden Nationalspieler in den Kader hat sich bei Hertha ein Teil der Hoffnung auf nachhaltige Besserung verbunden. Friedrich hielt auf dem Betzenberg 90 Minuten durch, wurde von Kaiserslautern aber auch nicht richtig gefordert. Bastürk stand bei seinem Debüt für Hertha nach elf Wochen Pause nur in der letzten Viertelstunde auf dem Platz. „Länger hätte ich auch nicht geschafft“, sagte der Mittelfeldspieler.

Erst wenn Bastürk dauerhaft zur Verfügung steht, wird sich zeigen, ob die mit seiner Verpflichtung verbundenen Erwartungen realistisch sind. „Durch sein Mitwirken wird Marcelinho sicherlich ganz andere Freiheiten bekommen“, sagte Trainer Götz. Doch nicht nur deshalb erlebt das Mittelfeld gerade einen ungewöhnlichen Qualitätssprung. Niko Kovac interpretiert die Rolle der Nummer 6 in der Defensive endlich so, dass er der Mannschaft hilft, und mit Christian Müller hat Götz eine personelle Alternative bekommen, mit der zu Saisonanfang niemand rechnen konnte. Im dritten Spiel erzielte der 20-Jährige bereits sein zweites Tor.

Insgesamt haben die Mittelfeldspieler sechs der sieben Saisontore geschossen. Das mag ein Zeichen für die anhaltende Schwäche der Stürmer sein. Für Hertha aber ist es eine erfreuliche Entwicklung. Die beste und erfolgreichste Zeit nach dem Aufstieg 1997 hat die Mannschaft erlebt, als sie im Mittelfeld mit Wosz, Beinlich, Deisler und später Marcelinho ein Übermaß an Kreativität besaß. So soll es wieder werden. Manager Hoeneß sagte: „Spielerisch ist einiges drin.“ Jetzt muss es nur noch rauskommen.

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