Sport : Passfälschungen im Profifußball: Warten auf das Jüngste Gericht

Werner Raith

Dass es Italiens Staatsanwälten am Gefühl für Dramatik mangelt, kann beim besten Willen niemand behaupten: kein Tag ohne Neuigkeiten aus dem "Passfälschersumpf" (das staatliche Fernsehen RAI), keine Nachrichtensendung ohne neue Wendungen in schon laufenden Verfahren über plötzlich aufgetauchte Großväter oder -mütter, die vor allem Mittel- und Südamerikaner zur schnellen Einbürgerung in Italien berechtigen. Zu Dutzenden haben die Strafverfolger inzwischen Ermittlungsverfahren eröffnet - formell mitgeteilt werden sie aber nur peu à peu, sodass die Manager nahezu aller Erstligavereine derzeit jeden Tag bibbern, bis der Postbote da war.

"Im Augenblick fühlen sich die Profiklubs so, als ginge es dem Jüngsten Gericht entgegen", hat ein Funktionär des Italienischen Fußball-Verbandes bemerkt. In mindestens 44 Einzelfällen haben Staatsanwaltschaften landauf, landab Anklageschriften fertig.

In nur einem Fall scheinen sich inzwischen die Wogen zu glätten - dem des Uruguayers Alvaro Recoba, der für Inter Mailand stürmt und mit seiner kürzlich erfolgten Vertragsverlängerung zum bestbezahlten Fußballspieler der Welt aufstieg. Recobas italienischer Pass hatte sich bei einer Überprüfung als gefälscht erwiesen. Geistesgegenwärtig hatten die Manager des Klubs nicht auf blauäugige Unschuld plädiert, sondern den Mann zu einem vollen Geständnis beim Staatsanwalt veranlasst und dann nach Uruguay zurückgeschickt, bevor er formell ausgewiesen wurde. Von dort aus hat Recoba nun korrekt Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis in Italien beantragt: Danach kann er zwar nicht mehr, wie bisher, als "naturalisierter Italiener" ins EU-Kontingent eingereiht werden. Aber immerhin kann ihn sein kriselnder Verein wieder einsetzen.Das aber ist ein Einzelfall - bei den anderen sitzen meist nicht nur die Spieler selbst und ihre persönlichen Manager in der Patsche. Oft genug ist auch noch die Vereinsführung in die dunklen Machenschaften verwickelt. Der spektakulärste Fall ist der des Argentiniers Juan Sebastian Veron von Lazio Rom, dessen Prozess in der vergangenen Woche in Rom begonnen hat. Dabei hat die Übersetzerin der fraglichen Dokumente ausgesagt, Vereinsobere von Lazio hätten nach ihren Hinweisen auf die Wackeligkeit des Abstammungsnachweises die Papiere an sich genommen - und plötzlich war dann ein völlig unbeteiligter Auswanderer von hundert Jahren zu Verons Urgroßvater mutiert. Sollte das Gericht dieser Aussage glauben, wird Lazio um die Aberkennung des im vorigen Jahr errungenen Meistertitels kaum herumkommen.

Das kommt dem Präsidenten des Vereins, Sergio Cragnotti, höchst ungelegen: Vorige Woche noch hatte er den Trainer des AS Rom, Fabio Capelli, auf Schadenersatz für umgerechnet nahezu 60 Millionen Mark verklagt, weil der "ohne jede Grundlage" über den Titelentzug gegenüber Lazio spekuliert hatte. Danach war Lazios Aktie an der Börse radikal abgestürzt.

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