Pekings Verwandlung : Der Kaiserstadt neue Kleider

Am Freitag beginnen die Olympischen Spiele. Peking hat sich herausgeputzt und mancherorts gar neu erfunden – oft zu einem hohen Preis. Die Chronik einer Verwandlung

Jens Mühling,Benedikt Voigt[Peking]
Maloche
Hand anlegen. Arbeiter am Olympiastadion.Foto: Imago

2. Juli. Der Mann aus der Jintai-Straße ist weg. Täglich hatte er im schmutzigen Hemd auf einem Hocker gesessen und auf Kunden gewartet. Auf dem Boden stand eine Schüssel, darin schwappte schwarzes Wasser fürs Aufspüren der Löcher in den Fahrradreifen. Es war ein guter Platz, der Fahrradreparateur konnte den Duft der Lammfleischspieße riechen, der vom Straßengrill herüberwehte, und ab und an ließ sich einer der vorbeiziehenden Radfahrer durch seinen Anblick an die Fahrradpflege erinnern. Nun ist er weg, sein Platz ist leer.

Die Olympiastadt Peking wird herausgeputzt. Und gesäubert. Fahrradreparateure und Bettler sind nicht mehr erwünscht und sollen zurück in ihre Heimatorte. Auch 170 000 Müllsammler, die normalerweise mit ihren dreirädrigen Last-Fahrrädern das Stadtbild prägen, hat die Stadtregierung kürzlich ausgewiesen. „Ihre Verluste werden schon nicht so groß sein“, verteidigte ein Berater der Pekinger Behörden die Aktion.

4. Juli. Vor dem Russenmarkt am RitanPark springen fünf Polizisten in blauen Uniformen aus einem Kleinbus. Sie gehen in das dreigeschössige Gebäude, das mehr als hundert Minishops beherbergt. Hier halten täglich Busse mit russischen Touristen. Die Polizisten lassen den Laden mit gefälschten Markenrucksäcken links liegen, gehen am Shop für gefälschte Markenschuhe vorbei, passieren auch die gefälschte Sportkleidung. Bei den Uhren stoppen sie. „Können wir das sehen?“, fragt der älteste Polizist. Wortlos reicht die Verkäuferin – eine Frau in den 40ern mit breitem Gesicht – eine Palette mit 20 Uhren über die Theke. Der Polizist nimmt eine Uhr in die Hand, prüft sie und reicht sie seinem Assistenten weiter. Sie nicken kurz. Zwei benachbarte Uhrenhändler schauen hinüber, ängstlich, aber auch erleichtert. Sie wissen, es erwischt meist nur einen.

Peking führt vor den Olympischen Spielen einen Kampf gegen Produktpiraten, wenn auch nur einen Showkampf. So können die Zeitungen schreiben, dass China gefälschte Produkte vom Markt nimmt. Es stimmt ja auch, aber wenn die Behörden Ernst machten, müssten einige Touristenattraktionen geschlossen werden: der Russenmarkt, der Seidenmarkt, der Yashow-Markt. Immer noch weist jeder China-Reiseführer den Weg in die Feilsch- und Fälscherparadiese.

Im Russenmarkt kippen die Polizisten die gefälschten Uhren nun in einen schwarzen Sack. Plötzlich tippt eine russische Touristin einem Polizisten auf die Schulter. „Entschuldigung“, fragt sie ihn auf Englisch, „wo gibt es hier Schuhe?“ Alle Umstehenden lachen.

10. Juli. Eine Großbaustelle im Amüsierbezirk Houhai. Gestern schufteten, aßen, schliefen noch Heere von Wanderarbeitern zwischen den Schutthalden. Heute ist allein ein einsamer Mann im blauen Overall damit beschäftigt, schadhafte Stellen am Bauzaun auszubessern. Wo sind die Leute? „Die sind nachhause gefahren. Werden ja jetzt nicht mehr gebraucht.“

Um die smoggeplagte Stadt vom Staub zu befreien, hat die Regierung für die rund 10 000 Baustellen der Stadt einen umfassenden Baustopp verhängt. Und die Männer, die seit Jahren daran arbeiten, das neue Peking aufzubauen, müssen die Spiele nun zuhause vor dem Fernseher verfolgen. Wenn das Spektakel vorbei ist, geht die Arbeit weiter.

15. Juli. Vor einem flachen Haus in der Dianmen-Allee im Bezirk Houhai haben sich etwa 30 Menschen versammelt. Das Haus fällt sofort auf, an den Außenwänden kleben Fotos kommunistischer Führer: Mao Zedong, Deng Xiaoping, Hu Jintao, Wen Jiabao. Auf dem Dach wehen die olympische und zwei chinesische Fahnen. „Wir lieben China, die Olympischen Spiele und unsere politische Führung“, erklärt Yu Chang Wang, „wir mögen nur die lokale Regierung nicht“. Der 42 Jahre alte Zeitungsverkäufer steht vor der hölzernen Eingangstür und erzählt die Geschichte seines Hauses. Ein ausländischer Journalist, ein Dutzend neugierige Chinesen und, wie sich bald herausstellt, zwei Zivilbeamte der Staatssicherheit hören zu. Sie fotografieren den Journalisten und wollen seinen Ausweis sehen. „Meine Familie wohnt hier seit 60 Jahren“, sagt Yu Chang Wang, „und jetzt sollen wir hier einfach raus?“

Peking hat 27 Milliarden Euro für die Modernisierung der Stadt ausgegeben. 54 Kilometer U-Bahnlinie kamen hinzu, ein Hochgeschwindigkeitszug verbindet nun Tianjin mit Peking, der Flughafen eröffnete im Frühjahr das dritte Terminal, gebaut vom Architekten Norman Foster.

Doch die Modernisierung hat ihren Preis. Laut dem „Center on Housing Rights and Evictions“ sind wegen der Olympischen Spiele bis zu 1,5 Millionen Menschen umgesiedelt oder vertrieben worden, Peking sprach einmal von rund 6000 Menschen. Viele akzeptieren die staatlichen Entschädigungen, weil die neuen Wohnungen einen höheren Standard bieten. Andere handeln eine höhere Abfindung aus und gehen dann. Manche enden im Umerziehungslager.

Für die Familie Yu sieht es nicht gut aus. Bald soll dort, wo jetzt ihr Haus steht, eine Rasenfläche sein. Denn kurz vor der Eröffnungsfeier am 8. August wird der Olympische Fackellauf durch die Dianmen-Allee führen. Die Nachbarn haben die Entschädigungen der Behörden akzeptiert. Familie Yu wehrt sich noch. Im Januar kam die Polizei und riss den Zeitungsstand der Yus vor dem Haus ein, nahm den Kühlschrank mit, in dem die Familie Getränke verkaufte. Rund 30 000 Euro bietet der Bezirk als Entschädigung für die etwa 130 Quadratmeter. „Zu wenig“, sagt Yu Chang Wang. Das Grundstück sei fast zehn Mal so viel wert.

18. Juli. Im alten Fabrikviertel Dashanzi, dem kommerziellen Zentrum der Pekinger Kunstszene, ist wenig los. Nur vereinzelte Touristen schlendern zwischen den zahllosen Galerien umher, die seit ein paar Jahren in den ehemaligen Fabrikhallen Kunst ausstellen. Eine junge Galeristin hat Zeit zum Plaudern. Sie kommt gerade von einer Besprechung mit zwei Vertreterinnen des chinesischen Olympia-Komitees zurück. „Erst hieß es, sie wollten bloß mal mein Englisch überprüfen, weil doch in meiner Galerie so viele Ausländer vorbeischauen“, sagt sie. Das Englisch bestand den Olympia-Test ohne Schwierigkeiten. Dann aber wollten die beiden Damen noch etwas anderes: „Sie baten mich, ich solle mir doch bitte unpolitische Interpretationen für meine Bilder zurechtlegen.“

In Dashanzi spielen auffallend viele Künstler mit politischen Symbolen: verfremdete Propagandaplakate aus der Ära der Kulturrevolution, ironische Mao-Porträts, Parteilosungen. „Jahrelang hat das niemanden von der Stadtverwaltung interessiert“, sagt die Galeristin. Während der Spiele, baten die Olympia-Damen, solle sie in Gesprächen doch bitte die ästhetischen Aspekte der Kunst in den Vordergrund stellen. „Unser Bürgermeister war noch nie in Dashanzi“, sagt die Galeristin. „Wahrscheinlich will er jetzt kommen. Aber die Galeristen sollen ihn bloß nicht in peinliche Situationen bringen, indem sie plötzlich über Politik reden.“ Die Frau nimmt es mit Humor. „Die Spiele dauern 17 Tage. Danach können wir hier wieder machen, was wir wollen.“

25. Juli. Ein Rasen begrenzt die Dianmen-Allee. Dort, wo vor zehn Tagen das Haus der Familie Yu stand, liegt Gras. Es ist nicht gewachsen, es ist gebracht worden. Wie so viele Bäume und Pflanzen, die in diesen Tagen in Peking zu sehen sind. Oft stehen sie einfach mit Topf auf dem Straßenpflaster. Wer inzwischen die Handynummer der Yus wählt, erhält eine automatische Antwort: nicht erreichbar.

28. Juli. Immer noch kein blauer Himmel. Vier Tage in Folge hat milchig-weißer Smog die Stadt vernebelt – trotz aller Bemühungen, der Luftverschmutzung beizukommen. Rund um Peking wurden Fabriken lahmgelegt und Kraftwerke abgeschaltet, der Lastverkehr muss den Großraum weiträumig umfahren, innerhalb der Stadtgrenzen darf seit einer Woche nur noch die Hälfte der 3,3 Millionen Privatautos fahren: an einem Tag die Wagen, deren Kennzeichen auf eine gerade Zahl enden, am nächsten Tag Kennzeichen mit ungeraden Zahlen.

Die Zeitungen melden, bei anhaltender Smogbelastung werde die Stadt einen Notfallplan in Kraft setzen: Dann dürften nur noch Autos fahren, deren letzte Ziffer auf dem Nummernschild dem aktuellen Datum entspricht. „Die spinnen!“, flucht ein Mann an einer Tankstelle. „Sollen wir jetzt zuhause sitzen und uns im Fernsehen den schönen blauen Himmel ansehen?“

29. Juli. Eine belebte Straße im Einkaufsviertel Chaoyang. Ein alter Mann schlendert den Bürgersteig entlang. Geräuschvoll sammelt er Speichel im Mund und setzt zum Spucken an – bis er bemerkt, dass ihn ein Ausländer beobachtet. Der Mann verfällt in Schockstarre. Abends in den Fernsehnachrichten werden die Zuschauer regelmäßig ermahnt: Nicht spucken! Mit immer noch geschürzten Lippen sucht der Mann nervös den Bürgersteig ab. Schließlich steuert er einen Mülleimer an, beugt sich tief hinunter – und spuckt. Gesicht gewahrt, China gerettet.

31. Juli, abends. Vor den Absperrungen der Chang’an- Straße stehen mehrere Tausend Menschen und warten auf die abendliche Fahnenzeremonie auf dem Tiananmenplatz. Täglich holen Soldaten dort, wo im Juni 1989 die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen wurde, die rote Fahne ein. Es ist ein nationales Ritual. Obwohl Kameras jede Ecke des Platzes überwachen, kontrollieren Polizisten an den Eingängen die Rucksäcke der Besucher. Unter Bäumen parken Polizeiwagen. China fürchtet Demonstrationen. Über dem Eingang zur Verbotenen Stadt mit dem Mao-Portrait hängen dunkle Regenwolken. Dies wird in den nächsten Wochen der am besten überwachte Platz der Welt sein. Er leuchtet wie ein Rummelplatz, eine strahlende Weltkugel, bunte Leuchtgirlanden, meterhohe Blumenskulpturen sind für die Olympischen Spiele aufgebaut worden.

Im Stechschritt marschieren 15 Soldaten aus dem Tor des Himmlischen Friedens. Der Verkehr stoppt, die Soldaten überqueren die Straße, die Schritte hallen. Plötzlich tröpfelt es, dann prasselt der Regen herab. Die Soldaten marschieren tapfer weiter, triefend vor Nässe. Alles lässt sich auch in Peking nicht planen.

3. August. Du Qing Qing liebt China. Das zeigt das rote Herz auf ihrer Backe, der China-Aufkleber auf dem T-Shirt über ihrem Herzen, und das China-Fähnchen in ihrer Handtasche. „Das drückt meine Leidenschaft und Gefühle aus“, sagt die 21 Jahre alte Studentin. Sie steht vor der mit Bannern und roten Laternen behängten Fußgängerbrücke an der Vierten Ringstraße und blickt auf das Nationalstadion. Dort werden am Freitag die Olympischen Spiele eröffnet. „Es ist großartig“, sagt sie und blickt ihren Freund an. Auch er trägt das rote Herz auf der Backe. Beide sind am Mittag im 120 Kilometer entfernten Tianjin aufgebrochen, um sich vor dem Niao Chao, dem Vogelnest-Stadion, fotografieren zu lassen. Seit Monaten machen täglich Hunderte Chinesen solche Ausflüge. Heute sind es mehrere Tausende.

Der Zug zurück nach Tianjin geht um 20 Uhr.

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