Sport : Per Crash zum Helden

Die wundersame Wandlung des Formel-1-Bruchpiloten Adrian Sutil

Christian Hönicke[Monte Carlo]

Selbst die Boxengassenmodels kannten nur ein Gesprächsthema. „Er ist doch so ein erfahrener Pilot!“, ereiferte sich eine langbeinige Schönheit gegenüber ihrer Kollegin. „Wie kann ihm denn so etwas passieren?“ Nicht der Sieg des McLaren-Piloten Lewis Hamilton hatte die Geschichte des Großen Preises von Monaco geschrieben, sondern der dilettantische Auffahrunfall von Formel-1-Weltmeister Kimi Räikkönen, der kurz vor Schluss die traumhafte Fahrt des Adrian Sutil torpediert hatte. So sah Sutil statt des greifbar nahen vierten Platzes schließlich nur seine eigenen Tränen auf den Boden tropfen. „Nicht nur er hat geweint“, gestand Colin Kolles. Sutils Chef beim Team Force India sprach mit verheulten Augen aus, was alle dachten: „Adrian ist für mich der Held des Rennens.“

Das ist insofern bemerkenswert, als sich Sutil zuletzt weit entfernt vom Heldenstatus befand. Mit diversen übermotivierten Aktionen, die meist Blechschäden nach sich zogen, hatte er sich stattdessen den Unmut der Kollegen, den Ruf eines Bruchpiloten und eine Abmahnung seines Chefs zugezogen. „Meine Saison hat nicht besonders gut angefangen“, gibt Sutil zu. Ausgerechnet beim wichtigsten und schwierigsten Grand Prix des Jahres nahm sie dafür eine umso überraschendere Wendung.

Während sich die Herren Weltmeister und Top-Piloten bei der verregneten Hatz im Fürstentum mit Unfällen und Drehern gegenseitig überboten, jagte der 25-Jährige in seinem unterlegenen Wagen wie auf Schienen durch den überfluteten Leitplankenkanal. „Das war ein fantastisches Rennen“, befand Sutil, „ich konnte so lange mithalten und bin sogar die schnellsten Runden gefahren.“ Bis ihm sieben Minuten vor Schluss Räikkönen bei der Ausfahrt aus dem Tunnel ins Heck rauschte. „Ich habe ihn im Spiegel kommen sehen, als ich in die Kurve eingelenkt habe, aber da war es auch schon zu spät“, berichtete Sutil später über seinen „Alptraum“. „Ich werde bestimmt noch die ganze nächste Woche davon träumen.“ Immerhin entschuldigte sich der Urheber der unangenehmen Nächte sofort. „Es tut mir leid für Adrian“, ließ Ferrari-Star Räikkönen ausrichten. „Ich habe beim Anbremsen die Kontrolle verloren, weil meine Bremsen noch zu kalt waren, und konnte ihm nicht mehr ausweichen.“ Auch auf anderen Kanälen trafen die mea culpas ein. „Ich habe gerade eine SMS von Ferrari erhalten, sagte Colin Kolles, während die Trauer in seinen Augen dem Schelmischen wich, „und zwar von jemand ziemlich Hohem.“

Vielleicht sollte Ferrari, das pikanterweise gleichzeitig Force Indias Motorenlieferant ist, darüber hinaus einen kleinen Discount für sein Kundenteam in Erwägung ziehen. Schließlich könnten die Sutil entrissenen fünf WM-Punkte nach Kolles’ grober Kalkulation „ein paar Millionen“ bedeuten, wenn am Saisonende die Prämien aus dem Fernsehgeldtopf an die Teams ausgeschüttet werden. „Aber hier geht es erstmal nicht um Geld, hier geht es um Adrian.“ Und der nahm, wenn schon keine Punkte, so doch immerhin einen beträchtlichen Imagegewinn aus Monaco mit nach Hause. „Der Auftritt wird mir Selbstvertrauen geben“, sagte Sutil.

Am Abend hielt er schließlich sogar die erste Trophäe seiner Formel-1-Karriere in den Händen. Während Lewis Hamilton nebenan den großen Siegerchampagner leerte, bekam er von einem aufmerksamen Beobachter eine Flasche Trostsekt mit den Worten „Den hast du dir verdient“ überreicht. Es war, wenn man so will, der Spezialpreis in der Kategorie „Held des Rennens“.

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