Per Mertesacker im Interview : "Weltmeister! Das ist für die Ewigkeit"

Per Mertesacker spricht im Tagesspiegel-Interview über Fußballspielen mit dem FC Arsenal am 26. Dezember, seinen Blick von London aus auf Deutschland und den Titel in Brasilien.

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Per Mertesacker, 30, spielt seit drei Jahren beim FC Arsenal in London. Zuvor bestritt der 1,98 Meter große Innenverteidiger insgesamt 221 Bundesligaspiele, erst für Hannover 96, dann für Werder Bremen. Mit der Nationalmannschaft gewann er im Sommer den WM-Titel und trat anschließend nach 104 Länderspielen aus der Auswahl zurück.
Per Mertesacker, 30, spielt seit drei Jahren beim FC Arsenal in London. Zuvor bestritt der 1,98 Meter große Innenverteidiger...Foto: Imago

Herr Mertesacker, gibt es etwas, das Sie in London an Weihnachten vermissen?
Ja, schon. In England ist das die intensivste Fußballzeit überhaupt, da wird auf festliche Akte wie Weihnachten oder Silvester keine große Rücksicht genommen. In Deutschland kann man sich Weihnachten zurückziehen und über gewisse Dinge nachdenken. Hier musst du dich auf die Spiele fokussieren, diesen Tunnelblick haben, um deine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Klar fehlt mir jetzt was, aber ich bin professionell so aufgestellt, dass ich mich daran gewöhnt habe. So schnell geht das, leider.

Ist es immer noch seltsam, am zweiten Weihnachtstag Fußball zu spielen?
Auf jeden Fall. Ich will das auch überhaupt nicht abstreiten. Das ist die Zeit, die mir am meisten fehlt. Das Wandern im Harz, wo meine Eltern herstammen. Oder meine Jungsrunde, mit der wir uns Weihnachten immer treffen. Das geht mir schon ab. Da kommt der Weihnachtsmann, da gibt’s ’ne Schlachteplatte, es wird ein bisschen gekickt. Das fehlt mir. Ich möchte auch kaum telefonieren in dieser Zeit und mir anhören, was ich alles verpasse. Ich weiß, dass es gut ist. Das muss ich nicht auch noch aufs Brot geschmiert bekommen.

Deutschland - Portugal: So lief das Spiel
Brust raus. Deutschland siegt im ersten WM-Spiel deutlich gegen Portugal. Die Bilder zum Spiel.Weitere Bilder anzeigen
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16.06.2014 19:53Brust raus. Deutschland siegt im ersten WM-Spiel deutlich gegen Portugal. Die Bilder zum Spiel.

Sie haben es sich so ausgesucht.
Ja, es macht mich auch stolz, dass ich die Möglichkeit habe, Weihnachten und Neujahr zu spielen. Und ich wusste auch, was auf mich zukommt. Wobei es natürlich vorher in Gedanken immer anders ist als am Ende in der Wirklichkeit. Auf der Insel zu spielen – das war immer ein Ziel von mir. Dass es keine Winterpause gibt, das nimmt man irgendwie so hin. Was es wirklich bedeutet, kriegt man aber erst mit den Jahren mit. Trotzdem: Dass ich hier spielen darf, zieht mich positiv rüber ins neue Jahr.

Bleibt Ihre Familie Weihnachten lieber in der Heimat?
Nein, meine Familie zieht da voll mit. Meine Eltern freuen sich schon auf London, sie freuen sich auf den Boxing Day, sie freuen sich auf Fußball. Wir versuchen, auch hier unsere Traditionen zu pflegen, wir gehen zusammen in die Kirche. Aber ich bin halt immer etwas außen vor. Bescherung, Essen, aber immer mit einem Blick auf den 26. Unser Trainer Arsène Wenger versucht das so einzurichten, dass wir als Spieler ein bisschen Zeit mit der Familie verbringen können. Trotzdem bleibt es ein anderes Weihnachten.

Werden Sie die Muße, über alles noch einmal nachzudenken, in diesem Jahr noch stärker vermissen?
Das kann passieren. Es wäre absolut nötig, all das, was in diesem Jahr passiert ist, noch einmal wirklich zu reflektieren. Auch um sagen zu können: Ich weiß jetzt, warum es weitergeht. Ich weiß, was meine neue Motivation ist. Das wäre jetzt die ideale Zeit und wird mir sicherlich fehlen. Ich hoffe, ich finde wenigstens ein bisschen Ruhe, um das Ganze mit meiner Familie noch einmal zurückzuspulen. Es war ja nicht nur sportlich ein emotionales Jahr mit der Weltmeisterschaft, sondern auch privat.

Deutschland - Ghana: Das Spiel in Bildern
Aufregend war's in Fortaleza. Thomas Müller blieb diesmal ohne Tor, aber ohnehin war das Spiel gegen Ghana nicht mit dem gegen Portugal zu vergleichen.Weitere Bilder anzeigen
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22.06.2014 00:04Aufregend war's in Fortaleza. Thomas Müller blieb diesmal ohne Tor, aber ohnehin war das Spiel gegen Ghana nicht mit dem gegen...

Ihr zweites Kind wurde kurz vor der WM geboren.
Man stellt sich natürlich die Frage: Konnte ich das alles so mitnehmen, wie ich es wollte? Konnte ich alles so zelebrieren, wie ich es wollte? Hat man wirklich schon alle Eindrücke verarbeitet? All diese Fragen kann ich jetzt eigentlich noch nicht beantworten.

Haben Sie das Gefühl, dass die WM gewissermaßen noch unbearbeitet in der Gegend herumsteht?
Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht genau, wie sehr ich diese Erfahrung verarbeiten muss, bevor ich sagen kann: Okay, jetzt bin ich wieder bereit für neue Aufgaben. Das ging nach dem Turnier alles so fix. Man hatte auch als Mannschaft gar nicht die Zeit, sich wirklich noch mal miteinander zu beschäftigen. Nach dem Finale wollten eigentlich alle nur noch möglichst schnell nach Hause.

Deutschland - USA: Das Spiel in Bildern
Thomas Müller (rechts, verdeckt) macht sein viertes WM-Tor. Mit einem wunderschönen Schuss ins lange Eck lässt er Tim Howard im US-Tor keine Chance.Weitere Bilder anzeigen
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26.06.2014 20:07Thomas Müller (rechts, verdeckt) macht sein viertes WM-Tor. Mit einem wunderschönen Schuss ins lange Eck lässt er Tim Howard im...

Hadern Sie damit?
Es gibt einfach viele Dinge, die ich gerne anders ausgelebt hätte, auch den Urlaub danach. Aber das Fußballgeschäft ist ein großer Kompromiss, den du eingehen musst. Meine Frau hat irgendwann zu mir gesagt: Alles andere als der WM-Titel hätte das nicht entschuldigt. Das waren wirklich acht harte Wochen, auch für meine Frau. Zwei Tage nach der Geburt unseres Sohnes bin ich zur Nationalmannschaft ins Trainingslager geflogen. Dein Kind kommt zur Welt, und du erlebst das nur zwischen Tür und Angel. Aber so ist es als Fußballprofi. Du hast nur eine begrenzte Zeit, und in dieser Zeit ist alles wie im Zeitraffer, da muss alles untergebracht werden. Ich hoffe, dass ich wenigstens nach meiner Karriere die Zeit finde, um bestimmte Dinge aufzuarbeiten. Reflektieren, was alles passiert – das geht eigentlich nur, wenn du mal verletzt bist.

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