Per Mertesacker : "Wir sind auf Armageddon vorbereitet"

Nationalspieler Per Mertesacker über den Umgang mit unliebsamen Kritikern, das Vertrauen in Torwart Jens Lehmann und die große Kunst der Punktlandung.

Mertesacker
Nationalspieler Per MertesackerFoto: ddp

Herr Mertesacker, nach dem 2:2 gegen Weißrussland sorgt sich die Nation ein bisschen um die deutsche Abwehr. Ist die Sorge berechtigt?

Was haben Sie denn erwartet? Wir sind hier im Trainingslager, die Einheiten sind sehr hart, auch zwei Tage vor einem solchen Spiel gehen wir im Training noch an unsere Grenzen. Im Moment ist das nicht leicht zu verkraften, aber es wird uns weit bringen – dann, wenn wir fit sein müssen, bei der Europameisterschaft. Dass jetzt noch nicht alles rund läuft, ist nach meiner Erfahrung relativ normal. Das ist auch gut – damit wir sehen, dass wir noch Luft nach oben haben.

Ist das nur eine Frage der Fitness oder auch der Abstimmung?

Wir arbeiten weiter an der Feinabstimmung, jeden Tag aufs Neue. Aber man hat gegen Weißrussland einfach gesehen, dass bei uns einige Meter gefehlt haben, die wir uns in den nächsten acht Tagen noch erarbeiten werden. In Kaiserslautern konnte ich mich in der zweiten Halbzeit nicht mal mehr aufregen, weil ich dazu keine Luft mehr hatte. Aber im Ernstfall, zur Stunde null, sind wir hoffentlich topfit.

Sie arbeiten also an einer Punktlandung.

Das ist die Kunst. Das ist große Kunst. Nach der Gruppenphase können wir uns darüber unterhalten, ob es geklappt hat. Darauf arbeiten wir jetzt hin. Dass das mit kleinen Rückschlägen verbunden ist, darf uns nicht unruhig machen. Sonst würden wir das nicht durchstehen. Wir haben in den letzten Jahren schon viel schlimmere Situationen gemeistert.

Wird es gegen Serbien besser?

Natürlich wollen wir uns in Deutschland noch einmal gut präsentieren. Keiner wird da zurückstecken, und wir müssen auch bis an die Grenze gehen. Aber auf die beiden Vorbereitungsspiele hat der Trainer im Training wenig Rücksicht genommen. Man muss die Spiele wie eine weitere Trainingseinheit sehen.

Aber bei dieser Trainingseinheit werden ein paar Millionen Menschen zuschauen.

Dessen sind wir uns schon bewusst. Aber wir sind lieber jetzt noch ein bisschen platt und müde als zu dem Zeitpunkt, wenn wirklich alle auf uns schauen.

Vertrauen Sie nur den Leistungsdiagnostikern, oder merken Sie selbst, dass Sie Fortschritte machen?

Heute habe ich zum ersten Mal wieder ein bisschen Spritzigkeit gefühlt. Das ist auf jeden Fall ein gutes Gefühl, wenn man merkt, dass das Training anschlägt. In den Tagen zuvor habe ich einen richtigen Rucksack mitgeschleppt. Ich habe auch im Spiel gemerkt, dass da noch viel fehlt; dass du fahrlässig falsche Entscheidung triffst, die du dann nicht mehr ausbügeln kannst. Aber man hat uns hoch und heilig versichert, dass wir am 8. Juni topfit sein werden. Und das glauben wir.

Die Boulevardpresse hat Christoph Metzelder und Sie nach dem Spiel gegen Weißrussland als „Schnarcher und Schleicher“ bezeichnet. Tangiert Sie das?

Ein Abwehrspieler wird nach Gegentoren oder Niederlagen nun mal schneller zur Verantwortung gezogen. Das ist unser Los. Aber ehrlich gesagt, höre ich das jetzt zum ersten Mal. Ich lese hier keine Zeitungen, ich habe ein paar Bücher mitgenommen, neutrale Literatur, die nichts mit der EM zu tun hat. Ich beschäftige mich nicht damit, wer unsere Leistung wie beurteilt. Das geht auch nicht. Wenn man das alles verfolgt, dreht man sich nur noch im Kreis. Es gibt Leute, die sich zu viel damit beschäftigt haben und bei denen es frühzeitig mit der Karriere vorbei war. Natürlich werden immer irgendwelche Horrorszenarien heraufbeschworen. Am Ende müssen dann doch wieder alle umschwenken. Das sind die Momente, die wir auskosten. Wir sind auf Armageddon vorbereitet.

Dient Ihnen diese Aufgeregtheit als zusätzliche Motivation?

Gute Frage. Meinen Sie, weil es 2006 so war? Damals hat man uns schon früh eingeredet: Die Mannschaft schafft es nicht. Nicht mit dieser Abwehr. Das war ein Riesenthema für die Medien. Mit dem Spiel gegen Polen ist das Ganze so ein bisschen aufgerissen. Das war natürlich eine Genugtuung.

Nach dem Spiel haben Sie sich zu einer aufreizenden Geste gegen die Journalisten auf der Pressetribüne hinreißen lassen.

Ich will diese Erfahrung nicht unbedingt noch einmal machen. Man sollte sich nicht auf die Medien versteifen. Natürlich möchten wir wieder beweisen, dass wir für eine EM taugen. Aber wir achten nicht darauf, wie die Presse im Moment auf uns reagiert und wie wir das wieder umstürzen können. Das eher nicht.

Im Spiel gegen Polen hat die Mannschaft zum ersten Mal ihre defensive Stärke gezeigt. Christoph Metzelder hat anschließend gesagt, Sie hätten eine gemeinsame Sprache gefunden. Muss Joachim Löw in diesen Tagen wieder verstärkt als Dolmetscher für Sie fungieren?

Wir brauchen sicherlich noch ein bisschen Zeit, um die finale Abstimmung und, wenn Sie so wollen, eine gemeinsame Sprache zu finden. Durch unsere Bewegungen auf dem Platz schaffen wir immer wieder Vorgaben, auf die der andere reagieren muss. Andererseits müssen wir uns gegenseitig helfen, kommunikativ helfen. Das sind die beiden Themen, auf die wir uns im Moment verständigen müssen.

Die Viererkette stand gegen Weißrussland sehr hoch. Hätten Sie angesichts der körperlichen Schwierigkeiten nicht lieber etwas weniger riskant gespielt?

Das stimmt, das ist ein gewisses Risiko, weil du hinter dir viel Raum lässt. Aber so spielen wir in Bremen die ganze Saison. In Hannover haben wir uns erst am 16er aufgebaut. Da hast du als Abwehrspieler weniger Probleme. Aber gute Verteidiger müssen durch diese Schule gehen, und da möchte ich noch durch.

Beunruhigt es Sie nicht, dass Christoph Metzelder in der kompletten Rückrunde ausgefallen ist?

Vor zwei Jahren hat man gesehen, dass man für ein solches Turnier wirklich topfit sein muss. Das wird für Christoph nicht leicht, aber er hat schon oft gezeigt, dass er es auf den Punkt schaffen kann. Er muss jetzt alle Spiele mitnehmen, damit er zusätzlich die Reize bekommt, um ein solches Turnier durchzustehen.

Wie bereiten Sie sich auf den Fall vor, dass Metzelder es nicht rechtzeitig schafft?

Das ist mal eine ganz neue Frage, mit der ich mich für die EM noch gar nicht beschäftigt habe. Gegen Österreich und die Schweiz war Christoph auch nicht da. Damit müssen wir zurechtkommen. Wir haben genügend Potenzial.

Dafür haben Sie jetzt auch noch eine Torwartdiskussion um Jens Lehmann. Irritiert Sie das?

Ich habe großes Vertrauen in ihn, daran werden auch irgendwelche Schlagzeilen nichts ändern. Wir drei, der Torhüter und die beiden Innenverteidiger, wollen der Mannschaft wieder die Sicherheit geben, die uns ausgezeichnet hat. Das ist unser Thema.

Aber würden Sie sich nicht sicherer fühlen mit einem Torwart im Rücken, der regelmäßig gespielt hat?

Ich habe zu viele gute Erfahrungen mit Jens gemacht, um jetzt auf diesen Zug aufzuspringen. Wir hören schon lange sehr stark auf Jens, gerade in taktischen Dingen. Wir schätzen seine Meinung sehr. Er kennt mit seiner Erfahrung viele Situationen und weiß, wie wir am besten darauf reagieren. Und eine Torwartdiskussion? Ich weiß nicht. Mir kommt es so vor, als ob es die sowieso immer gibt.

Aufgezeichnet von Stefan Hermanns

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