Sport : Per Zufall ein Königlicher - wie der Ex-Albatross zu Real kam

Dietmar Wenck

Irgendjemand hat ihm mal den Spitznamen "König" verpasst. Das war Anfang der neunziger Jahre, zu jener Zeit, als Hans-Jürgen Gnad mit der deutschen Basketball-Nationalmannschaft ziemlich überraschend Europameister geworden und für eine Saison zu Alba Berlin gewechselt war. Seinen damaligen Center-Kollegen Sven Meyer hat Gnad in Verdacht, und er wird noch heute ungehalten, wenn man ihn so nennt. "Leute, die mich nicht kennen, denken gleich, ich sei arrogant", sagt er, "und das bin ich nicht." Also lassen wir den Titel weg. Aber nun ist der 36-Jährige auf seine alten Basketball-Tage zumindest "ein Königlicher" geworden, und dagegen hat er wirklich nichts. Mit Real Madrid empfängt Hans-Jürgen Gnad morgen in der Europaliga den Deutschen Meister Alba Berlin.

"Die Königlichen" machen derzeit eine noch schwerere Zeit durch als Alba. Sie haben nicht nur in der Europaliga zweimal verloren, sondern auch in Spanien schon drei Punktspiel-Niederlagen kassiert. "Aber am Wochenende haben wir Unicaja Malaga 59:54 besiegt, es wird langsam", sagt der zweite deutsche Basketballer bei Real nach Norbert Thimm (1972/73). Allerdings sind Gnads Einsatzzeiten nicht so, wie er sich das gewünscht hatte. Höchstens sechs bis sieben Minuten spielt er pro Begegnung, mit dem Doppelten hatte er gerechnet. Aber in seinem 19. Jahr als Basketballer gibt er sich Zeit. Seine Chance wird kommen.

Satt oder müde ist Hans-Jürgen Gnad nicht. "Viel hat mit der Einstellung zu tun. Gut, ich kann nicht mehr springen und laufen wie ein junger Gott", sagt er, "aber ich fühle mich wohl mit dem, was ich tue. Ich kann mir momentan gar nichts anderes vorstellen." Obwohl der Musterprofi seit Jahren mit einem gerissenen hinteren Kreuzband herumläuft, was ihm immer wieder Schmerzen bereitet. Das hat ihn nicht gehindert, Herausforderungen anzunehmen. Die letzten zwei Jahre hat Gnad in Italien bei Müller Verona sein Geld verdient, und als der Klub zum Sparen gezwungen war, sollte der Deutsche als einziger Spieler gehalten werden. Davor spielte Gnad in Leverkusen, Hagen, Berlin, Mailand, Bayreuth, Köln und an der University of Anchorage in Alaska, wo er 14 Rekorde aufstellte. Deutscher Meister ist er geworden, Europameister und mit 177 Länderspielen Rekord-Nationalspieler. Er kann nicht sagen, was am schönsten war. "Ich habe überhaupt kein richtig negatives Erlebnis gehabt", sagt der Familienvater, der seine Frau Silke, eine ehemalige Handball-Nationalspielerin, und seinen Sohn Justin mit nach Madrid nahm. Ende des Jahres wird er zum zweiten Mal Vater. "Ich habe immer etwas mitnehmen können." Aus Berlin war es "das Familiäre, da gab es einen großen Zusammenhalt in der Mannschaft, aber auch mit dem gesamten Umfeld, dem Vorstand undsoweiter."

Zu Real ist der 2,08 m große Center eher zufällig gekommen. In Verona hätte er finanziell Abstriche machen müssen. Da hat ihm sein Agent von einem Angebot eines spanischen Klubs berichtet. Gnad hat selbstbewusst geantwortet: "Nein, in Spanien kommen für mich nur Real oder der FC Barcelona in Frage." Eine halbe Stunde später war er perplex, als sein Agent anrief: "Real will Dich. Du musst Dich aber in 24 Stunden entschieden haben." Die Entscheidung fiel nicht leicht, "schließlich habe ich Familie. Außerdem ist Italien für uns ein zweites Zuhause geworden". Trotzdem sagte er Ja. In Madrid fand er für den zweijährigen Justin bald einen Kindergarten und einen deutschen Babysitter. Dennoch wird nach dem einen Jahr in Spanien die Globetrotterei ein Ende haben. In Burscheid bauen die Gnads ein Haus, eine Saison bei einem Bundesligaverein noch, dann soll Schluss sein mit dem aktiven Sport. Nicht mit dem Basketball: "Ich könnte mir vorstellen, mich ins Management einzuarbeiten."

Zuerst muss er sich in Madrid einarbeiten. "Ich wusste vorher, dass ein Ami vor mir steht", sagt Gnad. Doch neben Brent Scott stehen dort derzeit auch der Däne Mikkel Larsen und der Belgier Eric Struelens. "Es läuft nicht rund, die Mannschaft hat sich noch nicht gefunden. Wenn das erst geschehen ist, spiele ich auch mehr." Die Wende muss ja nicht gerade morgen gelingen. Obwohl sich Profi Gnad darüber freuen würde. Nicht gerade wie ein König. Aber königlich.

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