Sport : Perfekt verplant

Das Ausland reagiert amüsiert und verwundert auf die Pannen bei der Organisation der Fußball-WM in Deutschland

Frank Kohl

BRASILIEN

Der Weltmeister zweifelt

Gilberto erklärte seinen Landsleuten sein zweites Heimatland. Der brasilianische Fußball-Nationalspieler, der derzeit mit Hertha BSC in Marbella trainiert, ordnete in der Zeitung „Globo“ die Pleiten der deutschen WM-Vorbereitungen ein: „Für die Deutschen war das Bekanntwerden der Probleme mit den Stadien ein Messerstich in den Rücken. Die Deutschen versuchen nämlich in allen Sachen, die sie machen, sehr korrekt zu sein.“ Auch die Absage der WM-Gala bewegt in Brasilien die Gemüter. Dass Brasiliens Nationalmannschaft die WM bei einer Gala im Berliner Olympiastadion auf einem unbespielbaren Acker hätte beginnen müssen, so die offizielle Begründung für die Absage der Eröffnungsfeier, wird in Brasilien in allen Medien angezweifelt. Vielmehr werden die angeblich explodierenden Kosten der Gala und mangelndes Publikumsinteresse als wahre Gründe genannt, wie in der in Rio de Janeiro erscheinden Zeitung „Jornal do Brasil“ zu lesen ist. Carlos Eduardo Freitas, Experte für deutschen Fußball beim Sportportal „trivela.com.br“ stellt die Pleiten in einen größeren Zusammenhang: „Mir scheinen die jüngsten Probleme mit dem deutschen Perfektionismus zusammenzuhängen. Im Gastgeberland macht sich neben der Vorfreude eine leichte Paranoia breit.“ Die Stadionstudie der Stiftung Warentest kommentiert Freitas lakonisch: „Wenn die für mehrere Milliarden Euro modernisierten Stadien in Deutschland als unsicher gelten, dürfte in den vielen maroden Arenen Brasiliens kein Fußball mehr gespielt werden.“ Andere Fachleute erinnern an erste Probleme der Deutschen bei der Ausrichtung des Confed-Cups. Gian Oddi, Europa-Experte der Fußballzeitschrift „Placar“, sagt: „Im Sommer haben die Rasenstürmungen und das Problem mit dem Dach in Frankfurt leichtes Misstrauen erzeugt. Auch der Verkauf der Eintrittskarten verlief nicht so, wie das viele von Deutschland erwartet hätten.“ Letztlich glaubt Oddi aber an eine gut organisierte WM: „Diese Zweifel gibt es vor jedem sportlichen Großereignis.“

ÖSTERREICH

Häme für Heller

Die Meldung, dass der Fußball-Weltverband Fifa die WM-Eröffnungsgala im Berliner Olympiastadion abgesagt hat, war erst wenige Stunden alt, da quoll das Internet-Forum des Wiener „Standard“ bereits über. Die meisten Kommentare zur abgesagten Eröffnungsshow des österreichischen Künstlers André Heller fielen kritisch oder hämisch aus. „Die wahren Abenteuer sind im Kopf“, lästerte ein User in Anspielung an den Song, mit dem Heller in den Siebzigern berühmt wurde. Anlässlich der Fifa-Absage wird in Wien wieder deutlich, wie ambivalent das Verhältnis Österreichs zu Heller ist. Für einige ist er der einzige Künstler von Weltformat, die breite Mehrheit kann mit ihm wenig anfangen. Vor allem die „Kronen-Zeitung“, Österreichs meinungsbildendes Massenblatt, reibt sich regelmäßig an Heller. Als die FPÖ von Jörg Haider in den Neunzigerjahren den Feldzug des gemeinen Volksempfindens gegen angebliche Gesinnungskünstler antrat, war Heller, neben Elfriede Jelinek, das Feindbild Nummer eins. Von der Stimmung gegen Heller ist offenbar im Zusammenhang mit der Fußball-Weltmeisterschaft etwas hängen geblieben. In den Kommentaren zur Absage der Eröffnungsgala schwingt deshalb Häme mit. Eines ist dabei sonderbar: Die sonst weit verbreitete Stimmung gegen die Deutschen fehlt diesmal. Markus Huber

ENGLAND

Es geht um die Bratwurst

Die Online-Redaktion des liberalen „Guardian“ weinte der abgesagten WM-Gala in Berlin ein paar ironische Tränen nach. „Die Fifa verwehrt Diana Ross die Chance, sich zu rehabilitieren“, war dort zu lesen. Ein guter Witz, wenn man die Pointe versteht: Die Motown-Diva hatte bei der WM-Gala 1994 singend einen Ball aus zwei Meter Abstand am leeren Tor vorbei geschossen. Die Szene wurde im englischen Fernsehen seitdem unzählige Male wiederholt. Vielleicht ist es ja ganz gut, dass die Gefahr ähnlicher Ausrutscher in Berlin noch rechtzeitig gebannt wurde, meinen nun die Engländer. Am Samstag wurde die Meldung aus Berlin von den Zeitungen kommentarlos abgedruckt, am Tag darauf war die WM-Absage dem „Sunday Mirror“ eine Spalte wert. „Ein weiterer peinlicher Rückschlag für die Organisatoren nach der Warnung vor den Sicherheitsmängeln in den Stadien“, schrieb das Boulevardblatt. Eröffnungsfeiern sind für die britischen Fußball-Puristen sowieso unnötiger Firlefanz. Immerhin fand der Radiosender „Talksport“ am Freitag Zeit, diese Affäre mit gebührendem Ernst zu analysieren. Darf man hoffen, dass auch die kleinere Auftaktveranstaltung in München die erwarteten Sensationen bieten wird?, fragten die Moderatoren Hawksbee und Jacobs zur Teestunde frech. Ihre Antwort: „10 000 als Bratwürste verkleidete Kinder“ und „gigantische Lederhosen-Formationstänze“ würde man ja wirklich nur ungern missen. Raphael Honigstein

ITALIEN

Turin liegt näher als Berlin

„Jetzt haben wir keine Zeit mehr zum Atemholen; jetzt geht es rasend schnell auf die WM zu“, betitelte die Sport-Tageszeitung „Corriere dello Sport“ ihren Leitartikel am Sonntag. Doch dann widmete sie sich der beginnenden Rückrunde in Italiens Serie A, analysierte die Mannschaften und Spieler. Von der WM selbst war kaum die Rede. Unsichere deutsche Stadien, die Absage der Eröffnungsgala in Berlin – Italiens Sportmedien und die führenden Tageszeitungen kümmern sich darum wenig. In Italien hat man andere Sorgen: die Schacherei um die Fernsehrechte beispielsweise, wobei die Millionen derart einseitig auf Spitzenmannschaften wie Juventus Turin und den AC Mailand herabregnen, dass die kleineren Vereine über einen Spielboykott nachdenken. Dann gibt es viele Spielerwechsel: Antonio Cassano geht von Rom nach Madrid, Christian Vieri vom AC Milan nach Monaco. Vor die Fußball-WM haben die Italiener außerdem noch die Olympischen Winterspiele gesetzt. In knapp vier Wochen beginnen sie, dennoch sind auch sie kaum Thema für die Medien des Landes. Wären da nicht das Turiner Finanzierungsdefizit, die Hausdurchsuchungen der Steuerpolizei beim Organisationskomitee und die Schwangerschaft der deshalb verhinderten Medaillenhoffnung Isolde Kostner – Italiens Aufmerksamkeit für Olympia würde sich auf Stadt und Landkreis Turin beschränken. Interessanterweise ist auch in Turin eine Gala abgesagt worden. Das Fest, das im November den Countdown für die letzten 100 Tage vor den Spielen einleiten sollte, fiel Sparzwängen zum Opfer. Doch kaum jemand nahm davon Notiz. Über die unsicher gebauten deutschen Fußballstadien ereifern sich vielleicht deshalb wenige, weil die Italiener wissen, dass sie selbst einiges nachzuholen haben, wenn sie die Europameisterschaft 2012 austragen wollen. Der europäische Verband Uefa will über die Vergabe der EM im Dezember 2006 entscheiden – und das liegt noch weiter entfernt als die WM. Wozu also jetzt schon daran denken? Paul Kreiner

POLEN

Ärger ums WM-Fernsehen

Nahezu unbemerkt ist die Absage der WM-Gala in Berlin im nahen Polen geblieben. Lediglich der Tageszeitung „Rzeczpospolita“ war die Gala-Pleite am Wochenende eine dürre Meldung wert. Auch Polens sonst so meinungsfreudige Web-Surfer hielten sich mit ätzenden Kommentaren zurück. Man könne die Gala doch durch die Love-Parade ersetzen, reagierte etwa ein User auf der populären Onet-Site auf die Meldung über die Berliner Rettungsversuche für das geplatzte Spektakel. Auch die Nachricht über vermeintliche Sicherheitsrisiken in den deutschen WM-Stadien hat bei den bereits im WM-Fieber schwelgenden Nachbarn kleine Wellen geschlagen. Denn die Fans der polnischen Nationalmannschaft plagen andere Sorgen. Nur 30 Prozent des ohnehin spärlichen Kartenkontigents für den WM-Dritten von 1974 und 1982 hat der Fußballbund in den freien Verkauf gegeben: Den größten Anteil der Karten verteilen dessen Funktionäre zum Ingrimm des Publikums unter sich. Leer auszugehen drohen indes nicht nur die Zehntausenden Polen, die im Nachbarland gerne persönlich die WM besuchen würden. Auch die im Lande bleibenden Fans werden von der Sorge geplagt, dass sie beim wichtigsten Ereignis des Jahres nicht einmal in der zweiten Fernseh-Reihe sitzen. Polens sparsame TV-Anstalten versagten ihren Landsleuten aus Kostengründen schon die Ausstrahlung der WM-Auslosung im Dezember. Als einziger WM-Teilnehmer hat sich Polen mit der deutschen Rechteagentur Infront noch nicht über den Ankauf der Senderechte einigen können. Als vorschnell erwies sich die Erleichterung der Fangemeinde, als die öffentlich-rechtliche TVP zu Jahresbeginn vermeldete, die WM-Spiele zu zeigen. Der Sender hat sich zwar die TV-Rechte gesichert – aber bisher nur für die WM 2010 in Südafrika. Thomas Roser

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