Sport : Perfektes Entertainment ohne Hauptdarsteller

Die erste Formel-1-Saison nach dem Rücktritt von Michael Schumacher war eine der spannendsten überhaupt. Die Höhepunkte

Christian Hönicke

DER BESTE FÜR SECHS RUNDEN

Statistisch gesehen dürfte Markus Winkelhock der erfolgreichste Fahrer aller Zeiten sein. In seiner zugegebenermaßen recht kurzen Grand-Prix-Laufbahn bringt es der Aushilfspilot für Spyker auf dem Nürburgring auf ganze 13 Rennrunden. Doch die haben es in sich. Weil ein befreundeter Motorsportexperte sein Team per Telefon über den einsetzenden Regen in der Eifel informiert, fährt Winkelhock als Einziger auf Regenreifen los. Während alle anderen Fahrer zum Reifenwechsel an die Box müssen, bleibt er auf der Strecke. 31 Kilometer oder sechs Runden lang führt er das Rennen an, dann fällt er zurück und später aus – damit verbringt er 46 Prozent seiner Formel-1-Karriere an der Spitze. Da kann nicht einmal Michael Schumacher mithalten. Der kommt nur auf knapp 37 Prozent.

DER BESTE SCHUTZENGEL

Es läuft die 27. Runde des Rennens in Montreal, als den Zuschauern der Atem stockt. Der BMW-Sauber von Robert Kubica kommt bei Tempo 280 von der Strecke ab und rast praktisch ungebremst und nahezu frontal in die Wand, überschlägt sich mehrmals und bleibt schließlich völlig zerfetzt am Streckenrand liegen. Nicht nur Niki Lauda rechnet sofort mit dem Schlimmsten: „Zu meiner Zeit wäre man bei so einem Unfall zweimal tot gewesen.“ Doch diverse Sicherheitsvorkehrungen, allen voran die fast unzerstörbare Monocoque-Zelle und das Hans-System, das Kopf- und Genickverletzungen verhindert, retten Kubica das Leben. Der Pole zieht sich lediglich ein leichte Gehirnerschütterung und ein paar Prellungen zu – beim übernächsten Rennen sitzt er schon wieder im Cockpit.

DIE GRÖSSTE SENSATION

Am Anfang ist er nur der erste Schwarze in der Formel 1, doch darüber spricht bald niemand mehr. Nie war ein Neuling besser: In seinen ersten neun Formel-1-Rennen fährt Lewis Hamilton jeweils aufs Podest. Eine unvergleichliche Leistung, die zeigt, dass der smarte 22-Jährige perfekt vorbereitet in die Grand-Prix-Szene kommt. Mehr noch: Hamilton behauptet sich im internen Duell mit Weltmeister Fernando Alonso und übernimmt ab dem Rennen in Barcelona sogar die Führung in der WM. Am Ende ist er nicht nur der erste Schwarze und der beste Neuling der Formel 1, sondern vielleicht die größte Sensation in ihrer Geschichte.

DER KREATIVSTE PANNENDIENST

Auch Lewis Hamilton kann nicht über Wasser gehen. Der neue Formel-1-Star rutscht während des Wolkenbruchs in der Eifel ins Kiesbett des Nürburgrings. Seine Rennen scheint beendet, denn ohne Hilfe wird er da nicht mehr herauskommen – Anschieben ist laut Reglement verboten. Ein Glück für ihn, dass die Streckenposten offensichtlich nicht nur Hamilton-Fans, sondern auch noch sehr kreativ sind. Mit einem Kran heben sie den McLaren aus dem Kies zurück auf die Strecke. Der Brite fährt weiter und bedankt sich später ausdrücklich bei seinen deutschen Pannenhelfern. Der Service hilft ihm übrigens trotzdem nichts. Hamilton verpasst als Neunter um einen Platz die Punkteränge. Später wird entschieden: Künftig sind solche Hilfsaktionen nicht mehr erlaubt.

DAS SCHÄRFSTE URTEIL

Es beginnt mit CDs voller geheimer Daten, die von einem Copyshop-Mitarbeiter entdeckt werden, geht weiter mit brisanten E-Mails und SMS und bizarren Vorwürfen. Monatelang tobt die Schlammschlacht um einen McLaren-Mitarbeiter, der von einem unzufriedenen Kumpel bei Ferrari Daten zugespielt bekommen haben soll. Am Ende sind alle genervt; selbst Formel-1-Boss Bernie Ecclestone hat Interesse und Überblick verloren. Schließlich spricht der Weltverband Fia ein Machtwort: McLaren muss 100 Millionen Dollar zahlen und verliert alle Konstrukteurspunkte – es ist die höchste Strafe in der Sportgeschichte. Die Fahrer allerdings werden nicht bestraft, um den schönen WM-Kampf nicht zu ruinieren. Ein Urteil, das der Surrealität des ganzen Falls angemessen ist.

DER MERKWÜRDIGSTE VERTRAG

Kurz vor dem Saisonabschluss in Brasilien verlängert Ferrari den sowieso bis Ende 2008 laufenden Vertrag mit Felipe Massa ohne Not vorzeitig um weitere zwei Jahre. Ungewöhnlich ist das auch deshalb, weil längst bekannt ist, dass Ferraris Präsident Luca di Montezemolo lieber heute als morgen Fernando Alonso als Teamkollegen von Kimi Räikkönen holen möchte. Gleichzeitig verdichten sich die Anzeichen, dass Jean Todt, dessen Sohn Nicolas Massas Manager ist, 2008 nicht mehr Teamchef bei Ferrari sein wird. Auf die Auflösung dieses Rätsels, vielleicht schon in den nächsten Wochen, wartet die Formel 1 mit Spannung.

DER UNNÖTIGSTE UNFALL

Das Safety-Car ist normalerweise dazu da, das Tempo im Feld zu verringern und dadurch Unfälle in einer gefährlichen Situation zu verhindern. In Japan gelingt dies nur bedingt: Weil der führende Hamilton hinter dem Safety-Car reichlich undurchsichtige Manöver fabriziert, knallt der drittplatzierte Toro-Rosso-Pilot Sebastian Vettel seinem Vordermann Mark Webber ins Heck wie ein verträumter Sonntagsfahrer im zähflüssigen Verkehr. Vettels Enttäuschung nach dem Missgeschick währt nur eine Woche: In China kommt er nach starker Fahrt als sensationeller Vierter ins Ziel.

DER DURSTIGSTE FAHRER

Nach dem Rennen in Barcelona stürzt Nico Rosberg als allererstes zur Wasserflasche. Zuvor wäre er in seinem Williams-Toyota beinahe verdurstet. „Die Wasserflasche hat wieder nicht funktioniert“, erklärt der Deutsche verärgert. „Das hat das Team wieder mal versaut.“ Es ist nicht das einzige Mal, dass sich Rosberg in dieser Saison von Team und Technik verlassen fühlt. Wieder und wieder hindern ihn vor allem Defekte daran, seine starken Leistungen mit Punkten zu belohnen. Immerhin verliert Rosberg nicht das Vertrauen: „Irgendwann lernen die das auch noch.“ Er hat Recht: Erst hält die Wasserflasche, später sogar das ganze Auto.

DIE OFFENSTE KONVERSATION

Langjährige Formel-1-Betrachter beklagen seit längerem die Tendenz zur Weichspülrhetorik in der Szene. Eine nette Abwechselung bilden da die Vorgänge im Toro-Rosso-Team am Nürburgring. Dort werden die Meinungsverschiedenheiten zwischen Pilot Scott Speed und Teamchef Franz Tost nach hemdsärmeliger Motorsporttradition ausgetragen. Speed äußert sich abfällig über das Team, woraufhin ihn Tost mehr oder weniger bestimmt zurechtweist – die Darstellungen reichen von einem leichten Zupfer bis hin zu einer Würgeattacke. Speed fliegt anschließend aus dem Team, sein Nachfolger wird Sebastian Vettel. Von Züchtigungen gegen den Deutschen ist bislang nichts bekannt.

DIE STILLSTE RÜCKKEHR

Plötzlich ist er wieder da. Wenige Monate nach seinem Rücktritt taucht Rekordchampion Michael Schumacher in Barcelona in der Ferrari-Box auf, als Berater. Die Objektive und Mikrofone richten sich sogleich auf ihn, und Schumacher sagt: nichts. Der Redepflicht entledigt, hat der Star mit der Kameraphobie noch nicht mal ein Wort für seine einstigen Hofberichterstatter von RTL übrig. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der 38-Jährige vor allem deswegen noch einmal zu ein paar Rennen kommt, um dort genüsslich zu schweigen. Und das tut er.

DER BEGEHRTESTE PARKPLATZ

Der Parkraum in Budapest ist knapp und begehrt, vor allem während des Grand-Prix-Wochenendes. Um den Parkplatz vor der McLaren-Garage entbrennt im Abschlusstraining ein besonders heftiger Streit. Obwohl er längst abgefertigt worden ist, genießt Fernando Alonso seinen exklusiven Stellplatz noch ein wenig – bis der hinter ihm wartende, einparkwillige Teamkollege Lewis Hamilton keine Chance mehr hat, noch eine schnelle Runde fahren zu können. Vorher hatte ihn der Brite entgegen der Absprache nicht überholen lassen. Der Parkplatzstreit zieht die üblichen bürokratischen und emotionalen Verwicklungen nach sich: Alonso kassiert ein Knöllchen und wird in der Startaufstellung nach hinten gesetzt, Hamilton zeigt ihm vor laufenden Kameras den Autofahrergruß, zwischen beiden herrscht erstmal Funkstille. Merke: Auch Formel-1-Stars sind nur Autofahrer.

Mitarbeit: Karin Sturm

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