Sport : Periodisches Gemurre

Torhüter Oliver Kahn bleibt die Nummer eins im deutschen Team, auch wenn Jens Lehmann das nicht versteht

Stefan Hermanns

Reykjavik. Manche Fragen sind schnell beantwortet und manche Themen schnell erledigt. Ob er schon mit Jens Lehmann gesprochen habe, wurde Rudi Völler am Tag vor dem EM-Qualifikationsspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Island gefragt. „Ja“, antwortete Völler. Und? „Oliver Kahn wird spielen.“

Von Lothar Matthäus einmal abgesehen, hat es vermutlich noch nie ein Spieler geschafft, sich über die Medien in die Nationalmannschaft einzuklagen. Auch Jens Lehmann, der Torhüter des englischen Tabellenführers FC Arsenal aus London, ist in dieser Woche mit einem solchen Vorhaben gescheitert. Wobei es unterschiedliche Versionen gibt, welche Forderungen Lehmann wirklich gestellt hat. In der ersten Fassung, die von einer englischen Zeitung verbreitet worden war, hieß es, Lehmann erhebe Anspruch auf das Trikot mit der Nummer 1, weil er der bessere Torhüter sei als Oliver Kahn; die zweite, von Lehmann autorisierte Version, enthielt lediglich die Aussage: „Ich hätte es verdient, mal wieder zu spielen.“

Was auch immer Lehmann wirklich gesagt hat – er hat Recht. In der Nach-WM-Saison, in der Oliver Kahn nicht nur mit den gegnerischen Stürmern gekämpft hatte, sondern auch mit seiner persönlichen Sinn- und Lebenskrise, war Lehmann nach vorherrschender Meinung der deutlich bessere Torhüter. In der Nationalmannschaft aber blieb Kahn die Nummer eins. „Wir haben in den letzten Monaten gegen Holland, Spanien und Italien gespielt“, sagt Lehmann, „gegen solche Gegner würde ich auch gern mal zum Einsatz kommen.“ In diesem Jahr hat der frühere Dortmunder noch kein Länderspiel bestritten. Sein letzter Einsatz liegt elf Monate zurück, als er im Freundschaftsspiel gegen Bosnien-Herzegowina zur Halbzeit für Kahn eingewechselt wurde. Und von Beginn an hat Lehmann zuletzt im August 2002 gegen Bulgarien gespielt.

Auch Kahn musste sich lange als Reservist gedulden, ehe er bei der EM 2000 sein erstes Turnier als Nummer eins bestreiten durfte. Dreimal (1994, 1996 und 1998) hatte er nur auf der Bank gesessen. „Da habe ich nachts vor Zorn ins Kissen gebissen und bin morgens wieder mit einem Lächeln zum Frühstück erschienen“, hat Kahn einmal erzählt. Auch aus dieser Erfahrung wird er die Position, die er sich inzwischen in der Nationalmannschaft erworben hat, freiwillig nicht wieder räumen. Dass Lehmann in dieser Woche ein wenig gemurrt hat, hat Kahn einfach übergangen. „Im Grunde habe ich das gar nicht registriert“, sagt er. Die beiden Torhüter ignorieren sich, so gut es geht. Selbst beim Training. Kahn wärmt sich mit Bundestorwarttrainer Sepp Maier auf, Lehmann mit den Feldspielern.

Das Schicksal von Jens Lehmann ist kein Einzelschicksal. In jedem Verein gibt es einen Ersatzmann, der mit seiner Situation mehr oder weniger gut zurechtkommt. Manche sind genügsame Reservisten wie Herthas Christian Fiedler oder früher Bernd Dreher bei den Bayern. Sie wissen und akzeptieren, dass sie die Nummer zwei sind. Aber dann gibt es auch noch die verhinderten Stammtorhüter, die sich für besser halten als die eigentliche Nummer eins. Tim Wiese vom 1. FC Kaiserslautern war so einer, als er noch Georg Koch vor seiner Nase hatte, oder Roman Weidenfeller, der Jens Lehmann mit seinen Sticheleien aus Dortmund nach England geekelt hat.

Als Beckenbauer Suppenkasper war

Die Ersatztorhüter in der Nationalmannschaft kommen nicht mit der Rolle zurecht, die Nummer zwei zu sein, weil sie in ihren Klubs meist konkurrenzlos Stammtorhüter sind. Diese vermeintliche Zurückversetzung ist nicht leicht zu ertragen. Gerade bei großen Turnieren hat es immer wieder Konflikte gegeben. 1962 zerlegte Hans Tilkowski in Chile das Mobiliar seines Zimmers, nachdem er erfahren hatte, dass ihm bei der WM der 21 Jahre alte Wolfgang Fahrian vorgezogen werden würde. Und 1986 in Mexiko beschimpfte Uli Stein den Teamchef Franz Beckenbauer wegen dessen Treue zu Toni Schumacher als Suppenkasper und musste daraufhin heimfahren.

Weil Berti Vogts wusste, dass sich die Spannungen zwischen den Torhütern unter den besonderen Bedingungen einer WM noch verschärfen, hat er 1994 in den USA nicht den besseren Torhüter (Andreas Köpke), sondern mit Bodo Illgner den weniger pflegeleichten spielen lassen. Vielleicht ist dieses Kriterium auch für Völler von Bedeutung. Das periodische Gemurre von Lehmann lässt sich vergleichsweise leicht ertragen. Man stelle sich vor, Kahn wäre plötzlich die Nummer zwei.

Lehmann hat vor einiger Zeit im Scherz gesagt, er werde dann die Nummer eins, wenn Kahn eine Affäre mit Sabrina Völler anfange. Darauf warten zu müssen, ist keine erfreuliche Aussicht. Genauso wenig, wie auf das Karriereende von Oliver Kahn zu bauen. Wenn der, wie angekündigt, nach der WM 2006 aufhört, ist Lehmann 36.

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