Sport : Permanenter Ausnahmezustand

Claus Vetter

Am späten Freitagabend bot sich rund um das Eisstadion im Mannheimer Friedrichspark ein tristes Bild. Und das, obwohl gerade ein dramatisches Eishockey-Spiel zu Ende gegangen war. Es war der unerwartete Ausgang der Partie, der die Imbissbudenbesitzer rund ums Stadion dazu veranlasste, früher als geplant ihre Fritteusen auszustellen.

An Stätten großer Triumphe ist der Fan den Umgang mit Niederlagen eben nicht gewohnt. Erst recht nicht, wenn in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) die Play-offs auf dem Programm stehen. Ausgerechnet der Außenseiter Eisbären Berlin hatte am Freitag mit einem Sieg im ersten Spiel der nach dem Modus "Best of five" gespielten Serie die Mannheimer Adler geschlagen, und das auch noch auf schmerzhafte Weise: In der Verlängerung verdarb Steve Larouche mit seinem Tor zum 3:2 die geplante Party. "Sudden Death" heißt das im Eishockey. Ein Tor, das ein Spiel in der Verlängerung beendet.

Von der Dramaturgie hätte das Spiel kaum glücklicher für die Berliner verlaufen können. Immer dann, wenn die Adler am Drücker waren, setzten die Eisbären Nadelstiche, die den Favoriten verunsicherten. Einmal war es das Berliner 1:0 von Steve Walker, nach einem 32 Minuten währenden Mannheimer Sturmlauf. Immerhin, die Adler kamen noch zu zwei Treffern. Dann nahm der Außenseiter kurz vor Schluss den Torhüter vom Eis, fing sich aber nicht, wie von den Mannheimer erhofft, den finalen Schuss ins verwaiste Tor ein. Der Puck nahm die andere Richtung. Drei Sekunden vor der Schlusssirene schoss Marc Fortier den Ausgleich. In der Verlängerung gaben die Adler trotz dieses Schocks weiter den Ton an - bis Larouche nach elf Minuten für den aus Mannheimer Sicht größten anzunehmenden Unfall sorgte.

Vier Meisterschaften hat Mannheim in den vergangenen fünf Jahren gewonnen. Nur einmal haben die Adler in dieser Zeit vor eigener Kulisse gepatzt: Vor zwei Jahren im Viertelfinale gegen die Kassel Huskies, was schließlich das Ausscheiden bedeutete. Manch einer mag sich in Mannheim nun daran erinnern, zumal die Adler gerade mit den Eisbären immer leichtes Spiel hatten. Vor vier Jahren im Finale und vor drei Jahren im Halbfinale standen sich beide Teams gegenüber. Die Berliner gewannen in den Serien jeweils nur ein Heimspiel und waren im Friedrichspark ein gern gesehener Sparringspartner.

Das hat sich seit Freitag geändert. Pierre Pagé wusste auch, warum es so weit kommen konnte. "Richard Shulmistra hat uns die Chance gegeben, zu gewinnen", sagte der Berliner Trainer. Sein Torhüter hatte für die atemberaubende Leistung eine interessante Erklärung. Als ihm in den Anfangsminuten des Spiels die Pucks nur so um die Ohren sausten, da wusste Shulmistra schon, "dass es ein spaßiger und erfolgreicher Abend für uns wird". 50 von 52 Schüssen hielt der Torhüter, sah zudem ein halbes Dutzend Pucks neben sich am Pfosten anschlagen - den letzten noch wenige Sekunden vor Larouches Schlussakt. Da hatte Shulmistra den Pfosten getätschelt. So viel Zärtlichkeit zum Metall - Aberglaube? "Habe ich das gemacht?", sagte Shulmistra. "Ich weiß gar nichts mehr." Ein breites Grinsen. Schon verstanden, der Spaßfaktor muss auch in besagter Szene groß gewesen sein für den Torhüter des Außenseiters.

Für Shulmistra und Kollegen kann es heute lustig weiter gehen, wenn die Adler ins Sportforum Hohenschönhausen kommen (Spielbeginn 14.30 Uhr). Die Frage nach dem zu erwartenden Spaßfaktor im zweiten Spiel gegen Mannheim beantwortet der Torhüter der Eisbären nur mit einem breiten Lächeln. Erstaunlich. Denn Richard Shulmistra nimmt seinen Job so ernst, dass er selten übers Eishockey scherzt. Insofern befand sich Shulmistra am Freitag in Mannheim wohl in permanentem Ausnahmezustand.

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