Personalpolitik : Noch zwei Tage Umbau bei Hertha

Für die Belastung in Europa League und Bundesliga will Hertha bis Transferschluss zwei neue Spieler holen.

 Sven Goldmann
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Das Tor nach Europa. Gojko Kacar (rechts mit der Nummer 44) hat es für Hertha geöffnet, mit dem finalen 3:1 gegen Bröndby. -Foto: dpa

Berlin - Manchmal denkt und spricht Lucien Favre so rational, dass es schon wieder irrational wirkt. Das späte 3:1-Siegtor in der Europa League gegen Bröndby Kopenhagen fand der Trainer von Hertha BSC vor allem deswegen so wichtig, „weil wir auf keinen Fall in die Verlängerung gehen wollten, wir brauchen unsere Kraft doch für das Bundesligaspiel gegen Werder Bremen“. Darauf muss man erst einmal kommen, im Rausch eines Sieges, der nach Wochen des Zagens wieder einen Eindruck vermittelte von der Berliner Herrlichkeit der vergangenen Saison. Favre aber gestattet sich keinen Rausch und kein Schwelgen. Vergangene Siege sind passé, es zählt allein die Zukunft, und wen interessiert schon ein Sieg über Bröndby, wenn es in der Bundesliga nicht aufwärtsgeht?

Das Spiel gegen Bremen wird ein Wegweiser, wie es schon in der vergangen Saison einer war. Ende April stand Hertha nach drei Niederlagen hintereinander vor dem Absturz ins Mittelmaß. Wie am Donnerstag gegen Bröndby entschloss sich Favre bei einem Rückstand zu drei waghalsigen Auswechslungen, die entscheidend waren für den 2:1-Sieg und die Wende zurück zum Guten. „Ohne diesen Sieg wären wir Zehnter geworden“, hat Favre später erzählt, ein dezenter Hinweis an alle, die Platz vier im Abschlussklassement als Enttäuschung werteten. Heute mag er nicht viel reden über diese Zeit, „wir müssen lernen, dass die Vergangenheit vorbei ist und wir vor neuen Herausforderungen stehen“. Es stört ihn, an den Erfolgen einer Saison gemessen zu werden, in der Geld noch reichlicher zur Verfügung stand und Hertha mit Josip Simunic, Marko Pantelic und Andrej Woronin nominell besser besetzt war als heute.

Herthas neues Personaltableau ist finanziellen Zwängen geschuldet. Wirtschaftliche Konsolidierung geht vor, Abenteuer auf dem Transfermarkt sind nur möglich, wenn sie vernünftig gegenfinanziert werden. Durch den Verkauf von Simunic an Hoffenheim und die Leihgeschäfte mit Lucio (nach Porto Alegre) und Chermiti (nach Dschidda) hatte sich Hertha schon einigen Spielraum geschaffen, der Einzug in die Gruppenphase der Europa League erweitert das Investitionsvolumen noch einmal um gut eine Million Euro. „Die Spiele in der Europa League sind wichtig für die Entwicklung der Mannschaft, aber sie werden uns körperlich stark fordern“, sagt Favre. Weil der Kader für diese Belastung auch in der Breite zu schwach besetzt ist, favorisiert der Trainer die Verpflichtung von zwei neuen Spielern. Einen Stürmer und einen offensiven Mittelfeldspieler will Geschäftsführer Michael Preetz nach Berlin holen und damit den erneuten Umbau der Mannschaft fürs Erste beenden.

Gegen Werder wird zum vorerst letzten Mal die neue alte Mannschaft auflaufen. Es ist irgendwie noch eine Verlegenheitsmannschaft, die sich von selbst aufstellt, weil das Personal nicht gerade im Übermaß zur Verfügung steht und Hertha bei der Aufstockung die Transferperiode bis zum Schluss am Montag ausreizen wird. Der Markt ist schwer in Gang gekommen, und die klammen Berliner sind darauf angewiesen, ihre bescheidenen Mittel noch zielgenauer einzusetzen als die Konkurrenz. Jeden Tag werden neue Namen ins Spiel gebracht, bevorzugt aus Südamerika, doch anders als in den vergangenen Jahren hält die Geschäftsführung diesmal dicht. Schon aus eigenem Interesse. Taucht ein Spieler erst einmal in der Öffentlichkeit auf, wird er automatisch um ein paar Prozent teurer.

Herthas Manager Michael Preetz dürfte es nicht unrecht gewesen sein, dass auf dem Boulevard bis in diese Woche hinein der im vergangenen Jahr vom FC Liverpool ausgeliehene Andrej Woronin gehandelt wurde. Das war eine schöne Fährte, aber wohl keine sehr Erfolg versprechende. Es ist bekannt, dass Lucien Favre nach zunächst atemberaubendem Start nicht viel von Woronin gehalten hat und dass er das viele schöne Geld, das für Ablöse und Gehalt fällig würde, lieber in andere Spieler investiert sehen wolle. Der Argentinier Lucas Barrios, den der frühere Manager Dieter Hoeneß so gern nach Berlin geholt hätte, war schon mal wegen seiner hohen Ablöse (6,5 Millionen Dollar) kein Thema. Barrios spielt jetzt in Dortmund, mit bislang bescheidenem Erfolg.

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