Sport : Perspektive nicht erkennbar

Ernst Podeswa

"Das ist ein komplexes Problem", sagt Norbert Schramm. Gemeint ist die Misere des deutschen Eiskunstlaufs. Medaillen bei Europa- und Weltmeisterschaften sind zu Utopien geworden. Und Dietmar Krug, Generalsekretär der Deutschen Eislauf-Union, schließt nicht aus, dass "kein DEU-Vertreter bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City dabei ist". Über Versäumnisse bei der Ost-West-Zusammenführung - so hat die DEU die erfolgreichste Trainerin der Welt, Jutta Müller aus Chemnitz, wegen "ideologischer Nähe zum DDR-System" links liegen lassen - wird man bei den 100. Deutschen Meisterschaften vom Freitag bis Sonntag im Erika-Hess-Stadion kaum mehr reden. Aber gewiss darüber, dass der deutsche Eiskunstlauf noch nie so schwach vor einem olympischen Winter dastand.

Norbert Schramm, als Europameister und WM-Zweiter 1982/83 letzter Spitzenläufer der DEU, macht hausgemachte Probleme dafür verantwortlich: das Fehlen von Spitzentrainern, das Ignorieren von Know-how früherer Spitzenathleten, die finanzielle Unattraktivität des Trainerberufs. Der Verband habe auch zu wenig getan, "um das Eiskunstlaufen im Fernsehen durch Regeländerungen attraktiver zu machen". Die Entwicklung zu komplizierteren Sprüngen und Figuren habe den Sport für den Zuschauer "unüberschaubar" gemacht. Der 41-jährige Oberstdorfer, der bei Medien- und Marketingagenturen die Nähe zum Eislauf hält, verweist darauf, "dass vielen Kindern und Jugendlichen im Eiskunstlauf die Perspektive nicht erkennbar ist und man anderswo leichter zu Ruhm und Geld kommen kann". Stichworte: Container und Spaßgesellschaft. Ähnliche Probleme hätten andere Sportarten auch. Nicht nur in Deutschland, europaweit. "Ich glaube, das Eiskunstlaufen hat sich nach Nordamerika und Asien verlagert." Zudem kämen geringere TV-Einschaltquoten bei Eislaufwettkämpfen, die sinkende Werbe- und Sponsorengelder nach sich ziehen und die finanziellen Möglichkeiten der DEU vermindern.

Dies und die Degradierung wegen fehlender Spitzenplätze bei Olympia 2002 in die unterste Förderstufe durch Bundesmittel haben die DEU auf eine Idee gebracht: Ab Sommer 2002 soll es für die Trainer kein Grundgehalt mehr geben, sondern nur noch Prämien für das Abschneiden bei internationalen Höhepunkten. Den Lebensunterhalt könne man sich durch Privatstunden dazuverdienen. Berlins Landestrainer Reinhard E. Ketterer: "Dann haben wir nur noch Trainer, die den Job als Berufung sehen." 20 Trainer haben sich allein in Berlin in den letzten Jahren verabschiedet. Ketterer führt mit dem Landesverband Bayern die Front der Kritiker dieses Modells an: "Damit sägen wir den Ast ab, auf dem wir sitzen." Viel Diskussionsstoff am Rande der Jubiläums-Titelkämpfe, zu denen alle Deutschen Meister als Ehrengäste eingeladen sind.

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