Sport : Peter Lekos neuer Anlauf

Der Ungar führt bei den Dortmunder Schachtagen

Martin Breutigam[Dortm]

Die Freuden und Qualen der Schachmeister bleiben der Außenwelt während einer Partie oft verborgen. Sie regen sich ja kaum, zeigen meistens Pokerface. Höchstens schließt mal einer die Augen und legt den Kopf auf den Tisch, auf der Suche nach dem einzig wahren Zug. Hinterher kommt es aber manchmal raus. „Dame b8 war lebenswichtig“, sagte Peter Leko nach seiner vierten Partie bei den Dortmunder Schachtagen. Der Ungar schien so entzückt über seinen Zug wie ein Schriftsteller, der endlich das Wort gefunden hat, nach dem er den ganzen Tag suchte. Von der Bedeutung dieses Zuges hatte das Publikum im Schauspielhaus aber offenbar nichts bemerkt, wohl auch, weil Lekos Partie die langweiligste des Tages war, ein Remis nach 22 Zügen gegen Baadur Jobava. „Heute musste ich einige genaue Züge finden, um nicht zu verlieren“, erklärte Leko.

Für den 26-Jährigen ist Schach, dieses Spiel mit den nahezu unendlichen Möglichkeiten, ein Ringen um kleinste Vorteile. Überall lauern Fehler – die Kunst besteht darin, sie zu vermeiden. In Dortmund ist Leko dies bislang gelungen, deswegen führt er zurzeit mit 2,5 Punkten, gemeinsam mit Peter Swidler und Michael Adams. „Es läuft gut,“ sagte Leko, „ich habe jetzt zweimal Weiß.“ Und beste Chancen auf den Turniersieg.

Als er dann zu den Monitoren schlendert, um sich die noch laufenden Partien anzuschauen, wundert er sich über Levon Aronjan, seinen nächsten Gegner am heutigen Freitag. Der habe mit oberflächlichem Spiel die Gewinnstellung gegen den Dortmunder Arkadij Naiditsch fast verpatzt. „Ah, ich verstehe, Levon will Läufer g3 spielen und ihn dann matt setzen.“ Auch Naiditschs Antwort, ein Sidestep mit dem König, hat Leko nach drei Sekunden durchschaut: „Jetzt geht Läufer g3 nicht so gut, wegen Turm c1!“ Ob Aronjan das sieht?, will einer wissen. „Natürlich, sonst wären wir keine Top-Ten-Spieler.“ Aronjan hat es aber nicht gesehen und spielt Läufer g3. „Oje, jetzt wird Arkadijs g-Bauer ganz schön nerven“, sagt Leko. Tatsächlich kann sich Naiditsch dank seines g-Bauern am Ende noch ins Remis retten.

Auch zur Partie Michael Adams gegen Boris Gelfand hat Leko schnell eine Meinung: „Sieht schlecht aus für Boris.“ Am Samstag wird er selber gegen Gelfand spielen, und am Sonntag in der letzten Runde gegen Wladimir Kramnik. Wie vor knapp zwei Jahren in Brissago, wo Leko nur eine Kleinigkeit vom Weltmeistertitel trennte; vielleicht war es einfach die falsche Eröffnungswahl, die ihn daran hinderte, heute mit Schachgiganten wie Michail Tal, Bobby Fischer oder Garry Kasparow in einer Linie zu stehen. Doch Kramnik gewann jene letzte WM-Partie, glich zum 7:7 aus und durfte sich weiterhin Weltmeister nennen.

Die Enttäuschung darüber hat Leko überwunden. Er will einen neuen Anlauf nehmen. Für den Herbst waren eigentlich die WM-Vorausscheidungen geplant, Leko hat aber noch nichts gehört vom chaotischen Weltschachbund Fide. „Wenn ich im Oktober ein Kandidatenmatch spielen muss, sollte ich eigentlich im August wissen, wann und wo.“ Turniere gebe es aber genug, im November spiele er vielleicht ein Tal-Gedenkturnier in Moskau und schon demnächst einen Zweikampf gegen Anatoli Karpow. „Okay, gegen Karpow ist nur Schnellschach, aber das ist bei uns in Ungarn ganz wichtig.“ In Ungarn ist er ein Held.

Zunächst will er in Dortmund „so gut es geht zu Ende spielen“. Die Stadt ist ihm wohlvertraut; seit 1991 nimmt er an den Schachtagen teil, als Wunderkind, Publikumsliebling und Blaubeeren naschender Vegetarier. Sein Manager kommt aus Dortmund und auch Sofya, seit sechs Jahren seine Ehefrau, ist dort aufgewachsen. Peter und Sofya unterhalten sich auf Deutsch; während er mit Sofyas Vater, dem armenischen Großmeister Arshak Petrosjan, der zugleich sein Trainer ist, Russisch redet. Sofya legt ihre Hand an seine Hüfte, sie will los. Adams und Gelfand werden noch lange weiterspielen, insgesamt über sieben Stunden. Leko wird aber Recht behalten: Am Ende hat Adams gewonnen – nach 117 Zügen.

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