Petrik Sander : Stur und stumm zum Star

Seine konsequente Art kostete Petrik Sander schon in der DDR den Job bei Energie. Ein Porträt eines Fußballers, der lieber in die Bezirksklasse wechselte, als sich von Vereinsoberen etwas diktieren zu lassen.

Sandra Dassler[Cottbus]
Petrik Sander
Petrik Sander 1990 als Spieler im Trikot von Energie Cottbus. -Foto: Ullstein

Das Ende war eine schlichte Geste: Nach der Niederlage gegen Wolfsburg blieb der Cottbuser Trainer Petrik Sander kurz vor den ihm zujubelnden Fans stehen. Dann verbeugte er sich leicht vor ihnen und verließ das Stadion. Er ging wie er gekommen war – beherrscht, äußerlich gelassen. Der 46-Jährige mit dem immer etwas traurig wirkenden Gesicht ist ein bodenständiger Typ, der selbst in Pressekonferenzen lieber seine Trainingsjacke als ein Jackett trägt. Einer, der weiß, was er will. Und was er nicht will.

Schon einmal scheiterte eine Karriere von Petrik Sander bei Energie Cottbus abrupt an seiner Konsequenz, die manche Sturheit nennen. 1984 verließ der damals 23-jährige Spieler den Verein, weil er keine Wohnung bekam. Die Sportfunktionäre wollten ihm nur eine der in der DDR knappen Wohnungen zuteilen, wenn er seine damalige Freundin heiraten würde. Sander aber wollte sich den Zeitpunkt seiner Hochzeit nicht diktieren lassen. Da ging er lieber mit seiner Liebe zurück in seine Heimatstadt Quedlinburg und spielte Bezirksklasse statt DDR-Oberliga.

In Quedlinburg, einer Kleinstadt am Fuße des Harzes, war Petrik Sanders Vater eine Fußball-Legende. Kurt Sander stand für Motor Quedlinburg in der dritthöchsten Spielklasse der DDR als Mittelstürmer auf dem Feld, zuweilen half er als Torwart aus. In den 50er Jahren hatte er sogar ein Angebot aus dem „goldenen Westen“ abgelehnt. Eintracht Braunschweig wollte ihn als Profi verpflichten, aber Kurt Sander war ein bodenständiger Mensch und wollte nicht weg. Seinen Sohn Petrik führte der Wehrdienst in die Reihen der Quasi-Profis von Energie Cottbus. Während seiner Armeezeit in der Lausitz fiel sein Talent den Energie-Verantwortlichen auf.

An sein erstes Spiel im Stadion der Freundschaft im Mai 1982 erinnert sich Sander gern. Energie spielte gegen den 1. FC Union um den Aufstieg in die Oberliga, die höchste Spielklasse. Petrik Sander wurde in der 72. Minute eingewechselt – als Union 1:0 führte. „Mir zitterten die Knie“, erzählt er. Nie hatte er vor einer solchen Kulisse gespielt. Zwei Minuten später schoss er den Ausgleich. Cottbus gewann das Spiel noch mit 2:1 und stieg auf. Sander war der Held des Tages.

24 Jahre später, am 14. Mai 2006, wurde er im Stadion der Freundschaft wieder frenetisch gefeiert. Da erreichte er mit einem 3:1-Sieg gegen 1860 München den Wiederaufstieg von Energie Cottbus in die Bundesliga. Niemand hatte ihm das zugetraut, als er im November 2004 den Trainerposten von Eduard Geyer übernahm, dessen Kotrainer er seit 1997 war. Für eine „Übergangslösung“ hatten ihn viele gehalten – und sich getäuscht. Doch Sander verhinderte nicht nur den Abstieg in die Regionalliga, sondern überraschte die Cottbuser in der darauf folgenden Saison mit frischem, erfolgreichen Fußball. Das lag sicher daran, dass er die Spieler respektvoller behandelte als Geyer, der als Schleifer galt.

Auch Petrik Sander versucht alles zu vermeiden, was andere an seiner harten Schale zweifeln lassen könnte – wer aber beobachtet, wie einfühlsam er etwa mit Kindern umgeht, der ahnt, dass sich dahinter ein weicher Kern verbirgt. Außerdem begann sich seine Position nach der Entmachtung der alten Klubführung zu konsolidieren. Sander, der nach der Feuerwerksattacke eines Fans auf dem rechten Ohr kurzzeitig fast nichts mehr hörte, wurde von der Übergangslösung zum Erfolgstrainer. Der „Kicker“ wählte ihn gar nach der letzten Saison zum drittbesten Trainer des Jahres. „Weil er aus Scheiße Bonbons macht“, kommentierten das die Cottbuser Fans etwas sarkastisch.

Die Fans standen auch auf seiner Seite, als er gegen den Verkauf seiner Spitzenspieler Sergiu Radu und Vlad Munteanu an den VfL Wolfsburg protestierte. Wahrscheinlich hat Sander da schon geahnt, dass Energie-Boss Ulrich Lepsch nicht mehr rückhaltlos zu ihm hielt. Womöglich hatte er auch das Schicksal aller armen Bundesliga-Vereine satt: immer wieder mit neuen Leuten bei Null anzufangen und sie abgeben zu müssen, sobald sie erfolgreich sind. Dabei gibt sich Sander gern pragmatisch. „Ich weiß, wie’s im Profifußball zugeht“, ist ein Lieblingssatz von ihm. „Wir können nun einmal nicht so spielen wie Bayern München“, ein anderer.

Von Eduard Geyer habe er viel gelernt, sagt er. Leider auch den manchmal ruppigen Umgang mit den Medien. Dass sich dahinter oft auch Unsicherheit verbirgt, würde Sander nie zugeben: „Ich hab’ eben meine Linie“, sagt er trotzig. Seine Freundin hat er damals übrigens doch geheiratet. Sie ist noch immer seine Frau.

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