Sport : Pferd und Reiter: Mit Gas und Bremse an den Oxer

Ingo Wolff

Rush On führt mittlerweile ein ruhiges Leben. Verglichen mit den Tagen als er noch als Springpferd durch die Welt reiste. Das war bis vor zwei Jahren so. Dann schickte ihn Ludger Beerbaum in Rente. Der Hengst bekommt sein Gnadenbrot und verbringt die meiste Zeit auf der Weide. "Aber wenn der Pferdetransporter auf dem Hof beladen wird und Rush On das von der Weide sieht, ist es vorbei mit Grasfressen", erzählt Beerbaum, der sein Erfolgspferd "mein Freund" nennt. "Dann kommt er vor an den Zaun oder rennt hin und her, weil er denkt, er müsste da eigentlich mit rauf." Es gibt Mechanismen, die sich einspielen. "Das Pferd weiß irgendwann, wenn es links vom Hof runter geht, dann gehts ins Gelände. Oder rechts, da gehts in die Reithalle." Dinge, die ein Wesen verinnerlicht hat. Wie in einer langen Ehe? "Ja, ein guter Vergleich."

Der Olympiasieger von 1992 beschreibt sein Verhältnis zu Rush On fast menschlich, wenn er auch sonst seinen Sport eher sachlich darstellt. Er spricht nicht mit seinen Pferden, sondern nennt es eine "Art der Kommunikation - eine Köpersprache." Gemeint ist der Körperkontakt zwischen Pferd und Reiter, den Beerbaum technisch erklärt. "Gas und Bremse sind das A und O für uns." Bremse heißt bei Beerbaum, der Reiter muss die nötige Zügelhilfe geben und die richtige Zäumung finden, um das Tempo zu regulieren. "Gas ist einfach, dass das Pferd auf Schenkeldruck reagiert. Wenn sie nach vorne müssen und mit den Beinen drücken, muss das Pferd sofort reagieren." Es darf keine Verzögerung geben. Der Reiter müsse den passenden Absprungpunkt finden. "Wenn man den verschläft, dann liegt man halt drin im Hindernis", sagt Beerbaum.

Doch das ein Pferd eben nicht nur ein Sportgerät ist, weiß Beerbaum zu genau. Es gibt Pferde, die nicht mit jedem Reiter wollen oder wenigstens manchmal nicht. Rush On habe oft gegen ihn rebelliert. "Den konnte ich nie zwingen. An einem guten Tag hat er einen Weltcup gewonnen und es konnte auch sein, wenn er nicht gut drauf war, das er mich im Stich gelassen hat", sagt Beerbaum. "Im Derby habe ich mal oben auf dem Wall gestanden und bin nicht mehr weiter gekommen." Spätestens da frage man sich, wer eigentlich der Sportler ist, das Pferd oder der Reiter? "Die Frage ist gut. Ich würde schon sagen das Paar", glaubt Beerbaum, gibt aber beiden unterschiedlichen Aufgaben. "Wenn man das von der sportlichen Seite sieht, überwiegt der Anteil des Pferdes. Bis der Reiter aber mit dem Pferd über den Parcours kommt, wird viel Technik und Akribie von ihm abverlangt." Letztlich müsse er sein Pferd auf den Punkt vorbereiten und kontrollieren.

Der Teil, den der Reiter auch alleine üben kann, ist eher gering. "Er kann mit einem anderen Pferd trainieren und sein Rhythmus- und Ballancegefühl sowie sein Auge für die passende Distanz schulen. Ohne ein Pferd kann er das aber nicht." Wer im Wettkampf dann die größere Last trägt, vermag Beerbaum aber nicht zu sagen. "Natürlich hat der Reiter die Verantwortung, aber den Sprung muss letztlich schon das Pferd machen." Der Reiter müsse es zwar passend an den Sprung bringen, sagt Beerbaum, "aber das Athletische ist ganz klar Part des Pferdes."

Alles alleine kann das Pferd, aber dann doch nicht machen. Oder würde es etwa auch ohne Reiter springen? "Über den ganzen Parcours nicht", versichert Beerbaum, fügt aber hinzu, dass es schon mal über einen einzelnen Sprung geht. "Wenn wir ein Pferd frei in der Bahn laufen lassen, passiert es schon mal, dass es ganz freiwillig auf den Sprung zurennt und da rüberhüpft, aber es läuft danach natürlich nicht links oder rechts rum, in der Kurve weiter, über den nächsten Sprung." Das sei ein Resultat aus Training, Übung und auch Dressur.

Das belegt zumindest, dass Springen für Pferde nicht widernatürlich ist. Ob Pferde aber geradezu Lust im Parcours empfinden, bleibt offen. "Es wäre ja völliger Käse, wenn ich ihnen erzählen würde, alle Pferde, die beim CHI in Berlin gehen, machen nichts lieber als Springen", gibt Beerbaum zu, "da gibt es welche die machen es lieber und welche die machen es nicht so gern." Selbst den Vergleich mit Zirkuspferden scheut er nicht. "Auch da gibt es welche, die es mit großem Eifer machen." Wichtig sei, dass sie von einer verantwortlichen Person trainiert werden, "aber trotzdem auch das Pferd ein Pferd sein lassen." Natürlich sehe man auch Bilder, wo das dann übertrieben wird, und wo von den Pferden Dinge verlangt würden, die an die Grenze stoßen und die sie nur widerwillig machen. "Das gibt es in allen Sparten, beim Dressurreiten, beim Springreiten und auch beim Zirkus."

Dressur ist auch im Springsport wichtig. Dabei muss man mit jüngeren Pferden anders sprechen als mit älteren. "Mit den Jungen geht es erst mal nur darum, dem Pferd die Scheu zu nehmen." Es ist mehr ein sich aneinander gewöhnen. "Wobei das sicher ein wesentlich größerer Prozess beim Pferd ist als beim Reiter." Er müsse vordenken und dem Pferd zeigen, was es soll. Erst mit fünf wird es an das Gewicht des Reiters gewöhnt, bis alles Routine wird. Für Rush On inzwischen ein Problem, erklärt Berbaum: "Das richtige Weidetier wird der nicht mehr."

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