Pferdesport : Signale aus dem Tal

Der Galoppsport befindet sich in der Krise – aber es gibt Hoffnung, die auch aus Hoppegarten kommt.

Hartmut Moheit[Hoppegarten]

Gebannt schaut Artur Boehlke immer wieder auf den großen Bildschirm vor seinem Schreibtisch. „Da müssten zum Ende des Renntages 260 000 Euro an Wettumsatz stehen“, sagte der Geschäftsführer des Hoppegartener Rennvereins. Doch bereits nach dem ersten Rennen ist ihm klar: „Das wird wohl nicht klappen.“ Am Ende werden am Tag der Deutschen Einheit auf der Galopprennbahn von den Wettern 247 000 Euro umgesetzt, was für Boehlke „immer noch ein ordentliches Ergebnis“ ist. Ab dem vierten Rennen, nachdem zuvor die Wolken über Berlin abgezogen sind, gibt es einen deutlichen Zuschauerschub. Der hat geholfen. Am Ende sind 10 400 an der Bahn. Der Preis der Deutschen Einheit mit dem glanzvollen Sieg des Favoriten Prince Flori mit Torsten Mundry im Sattel in einem Gruppe-III- Rennen wird so zum umjubelten Saisonhöhepunkt.

Dabei ist die Galopprennbahn in Hoppegarten, die seit knapp einem halben Jahr im Besitz des gebürtigen Krefelders Gerhard Schöningh ist, der seit langem in London lebt, noch längst nicht da, wo sie einmal war. Zum ersten Preis der Deutschen Einheit kurz nach der Wende waren es noch 50 000 Besucher – und es ging im Hauptereignis um eine halbe Million D-Mark. Doch seitdem gab es nicht nur viele Turbulenzen in Hoppegarten, der Galoppsport in Deutschland befindet sich heute generell in seiner schwersten Krise.

„Deshalb sind wir dabei, eine Strukturreform umzusetzen, bei der Hoppegarten eine ganz wichtige Rolle spielt“, sagt Engelbert Halm, der Chefmanager des in Köln ansässigen des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen. „Solche Leute wie Schöningh brauchen wir dazu, die Visionen haben und sich nicht scheuen, auch Risiken einzugehen.“ Da es einen Aufschwung ohne finanzielle Mittel in diesem Metier nicht geben kann, war die Suche nach einem potenten Investor so wichtig. Und der ist mit Fa. Race-O und Partner gefunden worden. Dass die maßgeblichen Personen, die hinter diesem wenig aussagekräftigen Namen stehen, so schnell nach Vertragsunterzeichnung nach Hoppegarten gekommen sind, darf als Signal für diesen traditionellen Galopp-Standort gewertet werden. „Hoppegarten ist eine der wenigen Bahnen in Europa, die sich ihren Stil bewahrt haben“, sagt Henrietta Duchess of Bedford, die in England selbst Besitzerin von Rennpferden ist. Und der neuseeländische Unternehmer Berri Schröder betont: „Das Wettsystem muss verändert werden, damit die Einnahmen auch dem Galoppsport zugute kommen.“ Welcher Ruf ihm voraus geht beschrieb unlängst das „Handelsblatt“: „Schröder hat in Großbritannien den Markt aufgemischt, indem er 2005 das an das Lotterie-Prinzip angelehnte System ’Superbet’ einführte. Zocker setzen dabei auf die Sieger von acht Rennen am selben Tag – liegen sie in allen richtig, knacken sie den Jackpot. Eine derartige Trefferquote hat mehr mit Glück zu tun als mit Expertise. Strategisch richtet man sich damit vor allem an solche Wetter, die mit dem Pferdesport nicht unbedingt viel am Hut haben. Diese Zielgruppe will er nun auch in Deutschland gewinnen.“

Das wird wohl nicht möglich sein ohne ein eigenes Wettsystem. Auch dafür sollen die 30 Millionen Euro investiert werden. Zwar verhandelt man auch weiterhin mit den Buchmachern, aber die sind immer weniger bereit, in den Toto einzuzahlen. Sie beziehen zwar per TV das Produkt Galopprennsport, aber nur ein Bruchteil ihrer Einnahmen fließen zurück an die Veranstalter. Eine Folge davon ist: Seit 2000 sind die Wettumsätze um 50 Prozent gefallen, die Zahl der Veranstaltungen ist drastisch zurückgegangen und die der Rennpferde mit ihr. Noch steht die Trendwende aus. „Die Faustregel war bisher, dass die Buchmacher zehn Mal soviel umsetzen, wie sie bereit sind zuzugeben“, erklärt Artur Boehlke. Die Tendenz verschlechtere sich noch, weil sie wegen der nunmehr zu erwartenden Eigenvermarktung durch das Direktorium den Hahn immer mehr zudrehen.

Was Hoppegarten geboten hat, ist Aufbruchstimmung gewesen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Erst ab 2009 wird es eine Antwort geben, ob das Tal durchschritten ist. Artur Boehlke wird das an den Renntagen allein schon auf seinem Bildschirm verfolgen können.

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