Sport : Pfiffe für den neuen Weltmeister

Felix Sturm boxt ansehnlich gegen Maselino Masoe und wird trotzdem kritisiert

Hartmut Scherzer[Hamburg]

Felix Sturm ging in der letzten Runde nur noch rückwärts. Ratlos breitete Maselino Masoe in der Mitte des Rings die Arme aus. Was soll das, konnte das nur heißen. Doch sein Herausforderer wollte nicht mehr kämpfen, er wollte kein Risiko mehr eingehen. Es war sein gutes Recht. Doch dann lief Felix Sturm auf einmal auch noch vorwärts davon, kehrte dem Neuseeländer aus Samoa den Rücken und reckte die rechte Faust in Siegerpose in die Höhe. Die Respektlosigkeit vor dem eindeutig nach Punkten besiegten Gegner nahmen ihm die 8000 Zuschauer in der Hamburger Color-Line-Arena übel. Und pfiffen.

So wurde der neue Weltmeister im Mittelgewicht nach der Version der World Boxing Association (WBA) nicht gefeiert, sondern ausgepfiffen. Titel gewonnen, Sympathien verloren. Dabei hatte der 27 Jahre alte Leverkusener bosnischer Herkunft in einem höchst ansehnlichen Kampf eine geradezu klassische Vorstellung geboten, wie ein feiner Techniker einen harten Haudrauf nach allen Regeln der Boxkunst austrickst: Geschmeidige Bewegungen, stechende Linke, genaue Konter. Die Überlegenheit gegen den zwölf Jahre älteren Boxer aus der Südsee wurde auf den Punktzetteln der drei Punktrichter bestätigt: Zweimal 117:111, einmal 115:113. Sogar Masoe sagte: „Ich verstehe die Unzufriedenheit der Zuschauer nicht, Felix hat doch verdient gewonnen.“

Felix Sturm zeigte sich immerhin einsichtig, dass die arrogante Schlusspose vor dem Schlussgong unangebracht war, selbst wenn sein Manager Klaus-Peter Kohl argumentierte: „Auch Michael Schumacher hebt 500 Meter vor dem Ziel den Arm in die Höhe.“ Was freilich nicht wie eine Verhöhnung der geschlagenen Gegner wirkt. Sturm sagte daher: „Ich hätte die Hände unten lassen sollen, das nächste Mal lass’ ich es sein.“ Der junge Mann, der so gut aussieht, wie er boxt, entschuldigte sich mit „Emotionen“. Die Zuschauer müssten doch verstehen, „dass ich nicht erst elf Runden lang super boxe und dann in der zwölften Runde k.o gehe.“ Luan Krasniqi, dem dieses Malheur vor einem halben Jahr im selben Ring passiert war, zitierte die Weisheit seines alten Amateurtrainers: „Lieber eine Sekunde feige, als ewig tot.“

Der nunmehr zweite deutsche Weltmeister neben Markus Beyer ist alles andere als feige. Er hat vielmehr einen Hang zum Leichtsinn und zur Überheblichkeit, was ihm in der dritten Runde fast zum Verhängnis geworden wäre, als ein linker Haken an seinen Kopf krachte. „Da habe ich Sternchen gesehen“, gestand er. „Mir wurde kurz schwarz vor den Augen, aber ich wollte nicht runter gehen.“ Sturm überstand die brenzlige Situation und unterließ es fortan, den Nahkampf zu suchen.

Den WBO-Titel hatte er durch eine ungerechte Punktniederlage in Las Vegas gegen den Superstar Oscar de la Hoya verloren – bei der WBA ist Felix Sturn nun nur eine Art Unter-Weltmeister. Über ihm steht bei diesem Verband als „Undisputed World Champion“ (unumstrittener Weltmeister) der Amerikaner Jermain Taylor, den auch die Boxfirmen WBC und WBO als alleinigen Weltmeister anerkennen. Nur die IBF führt den vor der deutschen Einbürgerung stehenden Armenier Artur Abraham als Mittelgewichtsweltmeister.

Dessen Manager Wilfried Sauerland bot noch in der Nacht in einem Telefonanruf aus Südafrika über Trainer Ulli Wegner dem Konkurrenten Kohl eine Million Euro für einen Kampf Abraham gegen Sturm. Amüsiert tat Kohl diesen Vorschlag ebenso als Scheinangebot ab wie all die nutzlosen Gespräche mit dem Management von Jermain Taylor.

Doch nur gegen den Über- oder Nebenweltmeister kann Sturm die Anerkennung als wahrer Champion gewinnen. Er betonte deshalb auf der Pressekonferenz, dass er nun gegen die Besten boxen wolle. Er gehört jetzt auch wieder dazu.

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