Philadelphia verfolgt die Eisbären : „Was ist ein Ehelechner?“

Die Eishockey-Stars Daniel Brière und Claude Giroux spielen während des Spielerstreiks in der amerikanischen Eishockey-Profiliga NHL für die Eisbären Berlin. Die Fans ihres Heimatvereins Philadelphia Flyers schauen daher die Spiele der Eisbären Berlin, um ihre Lieblinge zu sehen.

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Absolute Könner: Claude Giroux (l.) und Daniel Briere (r.), hier bei ihrer Präsentation als Neuzugänge der Eisbären Berlin, zählen in der amerikanischen Profiliga NHL, der stärksten Eishockeyliga der Welt, zu den besten Angreifern der Liga. Sie spielen bei den Eisbären, solange der Spielerstreik in der NHL anhält.
Absolute Könner: Claude Giroux (l.) und Daniel Briere (r.), hier bei ihrer Präsentation als Neuzugänge der Eisbären Berlin, zählen...Foto: dpa

Freitagabend in der Arena am Ostbahnhof. 14.200 Zuschauer erleben bei den Eisbären den dritten Auftritt ihrer beiden Stars von den Philadelphia Flyers aus der National Hockey-League (NHL). Daniel Brière und Claude Giroux brillieren, bereiten Tore vor, schießen Tore. Die Fans staunen, raunen, jubeln. So wie der deutsche Eishockeymeister nun dank seiner Starimporte aus der besten Eishockey-Liga der Welt gegen Augsburg zaubert, sind die Berliner nicht zu schlagen. Sie gewinnen locker 5:1 gegen den Tabellendritten. Nach dem Spiel sagt Augsburgs Verteidiger Tobias Draxinger konsterniert: „Die haben uns 40 Minuten lang nicht mitspielen lassen.“

Es ist Freitagmittag in Philadelphia im US-Staat Pennsylvania, als in Berlin der Puck zum ersten Bully eingeworfen wird. Hunderte von Menschen sind aufgeregt und verzweifelt. Im größten Fan-Blog der Flyers wird die Frage gestellt, auf welchem Livestream das Spiel der Eisbären und damit Brière und Giroux zu sehen sind? Schließlich muss der Liveticker der Eisbären herhalten. Als das 2:0 der Berliner fällt, sind alle Fans in der Spur. „Toooor“. Durch Jens Baxmann, Vorlage Giroux. Ein Moderator übersetzt den deutschen Ticker, schildert die Szene, die zum Tor führt: „Giroux pushes the disc left over to Baxmann who dances from marriage Lechner and pushes the disc into the goal.“ Doch was ist bitte schön ist „marriage Lechner“? Wahrscheinlich heißt „Ehe“, das deutsche Wort für „marriage“, auch „Pass“ auf deutsch, schlägt ein Fan der Flyers vor. Es herrscht Verwirrung, doch dann endlich ist das Rätsel gelöst: Der Augsburger Torwart heißt „Ehelechner“.

Im Wells Fargo Center, der 20.000 Zuschauer fassenden Arena der Flyers, wird am Freitag kein Eishockey gespielt. Wegen des Arbeitskampfes in der NHL hat die Liga alle Spiele bis zum 2. November abgesagt. Trotzdem sind die Fans der Flyers loyal. 18.200 Dauerkarten hat der Klub für diese Saison, von der niemand weiß, ob sie überhaupt gespielt wird, verkauft. Bisher haben erst zwölf Fans ihr Ticket wegen des anhaltenden Tarifstreits zurückgegeben. Rick Trier, ein 57 Jahre alter Geschäftsmann, sagt auf Nachfrage, er sei Dauerkarteninhaber seit 1967. Zwei Saisontickets der gehobenen Kategorie kosten ihn 13.000 Dollar. Aber Klubtreue sei ihm wichtig, auch wenn er nicht wisse, wie es mit der NHL weitergehe. Die NHL-Profis wissen das auch nicht. Sie wollen allerdings nicht nur warten und spielen deshalb in Europa – wie Briere und Giroux in Berlin.

Berlin ist weit weg von Philadelphia und natürlich ist die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) ein Kulturschock für die Fans in der Ferne. Das erste Spiel von Brière und Giroux in Berlin wurde per Livestream übertragen. Allein auf der größten Fanseite „broadstreethockey.com“ gab es 500 Einträge der Fans zu dem Spiel der Eisbären gegen Köln. Da wurde gestaunt über die vielen Werbelogos auf den Eisbärentrikots. Ein Fan fragte: „Ist etwas kaputt, muss ich jetzt meinen Rechner runterfahren?“ Dazu lernen die Fans ihr eigenes Eishockeydeutsch. „Powerbreak“ – die Bezeichnung für Werbepausen in der DEL – heiße wohl „Powerplay“, mutmaßte ein Nutzer. Oder ist Powerbreak eine Abkürzung für „Power breakfast“? Aber sie machen Fortschritte, die Fans der Flyers, als das zweite Drittel bei den Eisbären gegen Augsburg vorbei ist, schreibt ein Anhänger: „Ende Drittle Zwei. Du hast viele zeit.“

Die Freude über den Erfolg von Brière und Giroux in Berlin ist aber groß, das ist vielen Kommentaren zu entnehmen. Und auch am Sonntag werden sich die Fans der Flyers wieder in ihrem virtuellen Fanblock tummlen. Zu ihrem Glück wird das Heimspiel der Eisbären gegen Iserlohn live übertragen, bei ServusTV und im Internet (Beginn 17.45 Uhr in Berlin, 11.45 Uhr in Philadelphia). Immerhin ein Trost für die ausgesperrten Fans der Flyers.

Noch hat das Wells Fargo Center für den 27. Oktober das Spiel der Flyers gegen die Toronto Maple Leafs annonciert – aber es wird nicht stattfinden, weiß Daniel Brière . Wie sehr verfolgt er die Nöte seiner Fans in den USA? „Um ehrlich zu sein, lese ich nur die Schlagzeilen zu den Artikeln über die NHL“, sagt der Eisbären-Stürmer auf Zeit. „Jetzt bin ich in Berlin und da ist mir vor allem unser nächstes Spiel wichtig.“ Und Giroux hat zwar bei seiner Ankunft in Berlin gesagt, „dass unsere Fans in Philadelphia sehr verrückt sind“, doch inzwischen kennt er die Anhänger der Eisbären. „Und das ist etwas ganz anderes, die sind noch verrückter und machen wahnsinnig viel Stimmung.“ Und das zu weit günstigeren Ticketpreisen als in der NHL. Berlin ist eben weit weg von Philadelphia.

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