Philipp Kösters Kolumne : Hertha für die Szene

Hauptsache (nicht) Hertha: 11-Freunde-Chefredakteur Philipp Köster über die problematische neue Liebe der Zugereisten zum Hauptstadtklub. Und was meinen Sie? Diskutieren Sie mit.

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Heute ein Herthaner. Der Klub zieht neue Fans an. -Foto: dpa

Am Samstag um 16.47 Uhr passierte Bemerkenswertes auf dem Helmholtzplatz im Prenzlauer Berg. Aus zwei Kneipen dröhnte Torjubel und wenn man durch die Fensterscheibe linste, sah man, wie sich wildfremde Männer umarmten. Das Besondere daran: Das Tor, das bejubelt wurde, war Herthas Führung in Wolfsburg. Das war noch nie da. Bislang galt es als ausgemacht, dass man als zugereister Berliner stets dem Klub aus der alten Heimat die Treue hielt. Was dazu führte, dass sich selbst bekennende Fußballhasser als leidenschaftliche Anhängern des VfB Stuttgart oder des Karlsruher SC gerierten. Hauptsache nicht die Hertha. Die galt als indiskutabel. Wer samstags um halb drei an der Eberswalder Straße mit Hertha- Schal in die U2 stieg, wurde so entgeistert angeschaut wie Leute, die abends an der Theke River-Cola statt Kräuter-Bionade bestellen.

Als aber Hertha als Tabellenerster grüßte, waberte ein blau-weißes Band der Sympathie durch die Szenebezirke. Nicht auszudenken, Berlin wird Meister und man feiert nicht mit. Wer sich auf einmal alles für Hertha interessierte! Familienväter knibbelten den BVB-Aufkleber vom Kinderwagen. Exil-Münchner registrierten erfreut, dass das Stadion in Berlin genauso heißt wie daheim in Minga. Die gebildeten Stände waren angenehm überrascht, dass mit Cicero ein römischer Philosoph und mit Raffael ein Baumeister der Hochrenaissance im Kader stehen.

Um 17.15 Uhr am Samstag war der Hertha-Hype auch schon wieder vorbei. Wolfsburg hatte noch zwei Tore gemacht, die Tabellenführung war futsch. Kann ja nix werden, mit Hertha. War klar, vorher schon. Gegen wen spielt Stuttgart am Wochenende?

11-Freunde-Chefredakteur Philipp Köster schreibt hier im Wechsel mit Stefan Hermanns, Fußballreporter beim Tagesspiegel.

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