Philipp Lahm : In Amt und Bürde

Philipp Lahm windet sich in der Frage um die Kapitänsrolle. Er würde die Binde nun auch wieder an Michael Ballack abgeben.

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Vielfach gefrustet. Philipp Lahm weiß, dass er sich mit seinem Vorstoß in der Kapitänsfrage keinen Gefallen
Vielfach gefrustet. Philipp Lahm weiß, dass er sich mit seinem Vorstoß in der Kapitänsfrage keinen GefallenFoto: dpa

Philipp Lahm kam gerade aus der Umkleidekabine und war auf dem Weg zum Bus, er zog ein silbernes Rollköfferchen hinter sich her, die Haare standen ihm zu Berge. Vom Föhnen, natürlich. Kurz Zeit, Herr Lahm? Ja, kurz, also dann. "In der ersten Halbzeit hat uns der Mut und die Überzeugung gefehlt", sagte Lahm. Schade, man stehe nicht alle vier Jahre so dicht vor dem WM-Finale, aber Spanien war nun mal auch ziemlich gut.

Und wie war das nun mit Herrn Ballack und der Kapitänsbinde? Die Laune von Philipp Lahm wurde da nicht wirklich besser im Stadionkeller von Durban, die dicken Augenbrauen kniff er zusammen. "Ich bekomme irgendwann immer irgendwelche Fragen gestellt", erzählte Lahm, nun noch kürzer angebunden. "Mir macht dieses Amt Spaß. Es wäre schlimm, wenn ich es nicht ausführen wollen würde." Und: "Ich habe Michael Ballack nicht angegriffen." Noch irgendwelche Fragen? Glücklicherweise lief in der Dunkelheit schon der Motor des Busses, auch die Polizeikarawane wartete. Mit Blaulicht raste der Tross schließlich den Northern Freeway hinaus zum Flughafen. Nur weg hier.

Zwölf Stunden später und 650 Kilometer nordöstlich hat Lahm in Pretoria wesentlich bessere Laune. Auch wenn ihn die Geschichte mit Ballack noch immer umtreibt, er immer wieder darauf angesprochen wird nach der 0:1-Niederlage im WM-Halbfinale gegen Spanien am Vorabend in Durban.

Aber es kommt ja auch nicht häufig vor, dass es so etwas gibt wie Unstimmigkeiten im WM-Quartier der sonst so harmonischen Nationalmannschaft. Lahm hatte Anfang der Woche gesagt, dass er gern Kapitän bleiben wolle und freiwillig die Binde nicht mehr hergebe. Nur die gehört eigentlich Michael Ballack, Lahm sei „der WM-Kapitän“, wie Manager Bierhoff sagte. Es wäre vielleicht das Beste für alle Beteiligten gewesen, hätte Lahm sich in der Floskel „Das ist jetzt kein Thema“ verloren. Lahm justierte daher seine Aussagen am Donnerstag noch einmal im WM-Quartier bei Pretoria, das die Deutschen schon wieder am Freitagnachmittag verlassen werden, um zum Spiel um Platz Drei ins 1200 Kilometer entfernte Port Elizabeth aufzubrechen. Sein Verhältnis zu Ballack sei so wie vorher, er sei „ein sehr, sehr guter, ein hervorragender Fußballspieler“, das sei keine Frage. Auf die Persönlichkeit ging er nicht ein. „Wenn Michael die Binde wieder bekommt, dann habe ich damit auch kein Problem“, sagte Lahm über den etatmäßigen Kapitän, der sich den geplanten Trip am Sonntag zum WM-Finale nach Johannesburg nun sparen kann, weil da die Kollegen längst wieder im Flieger nach Frankfurt sitzen.

Die beiden kennen sich viele Jahre, seit 1995 spielt Lahm – mit kurzer Unterbrechung – schon an der Säbener Straße beim FC Bayern , wo auch Ballack von 2002 bis 2006 seinem Beruf nachging. Der 26-Jährige warb um Verständnis: "Ich habe eine ehrliche Antwort auf eine einfache Frage gegeben. Es ist eine große Ehre für mich, dieses Amt auszuüben." Und es müsse doch bitteschön jeder verstehen, dass er nicht an die Tür des Trainers klopft, um Joachim Löw freiwillig die blaue Armbinde zurückzugeben. „Wer sie trägt, das entscheidet aber allein der Bundestrainer." Und noch einmal: Nein, "es gibt keinen Machtkampf mit Michael Ballack und auch nicht mit anderen Personen", sagte Lahm und nahm einen frischen Schluck Wasser aus der Plastikpulle. So richtig klar ist nicht, wer jetzt an Stellung gewonnen oder verloren hat in dieser kniffligen Personaldebatte, die man wohl besser erst nach der Fußball-WM geführt hätte.

Noch mindestens einmal wird Lahm die Nationalelf als Kapitän auf den Rasen führen, am Sonnabend gegen Uruguay. Er hat einen Schlag abbekommen, "aber machen Sie sich keine Sorgen um mich". Er kann spielen. Darum geht es ja eigentlich noch immer in Südafrika.

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