Sport : Pilot statt Entertainer

Sebastian Vettel wechselt zu Toro Rosso und darf endlich Formel-1-Rennen fahren

Christian Hönicke

Berlin - Am Ende hatte Sebastian Vettel keine Lust mehr, den Showmaster zu spielen. „Ich steh’ in der Box, so nah an den Autos, aber die anderen fahren raus und ich muss hier bleiben“, sagte der 20-Jährige genervt. Während sich Nick Heidfeld und Robert Kubica auf der Strecke vergnügten, durfte Vettel die Vip-Gäste seines Rennstalls bei Laune halten: „Da gibt’s Schöneres.“ Nun muss der bisherige Test- und Ersatzfahrer von BMW-Sauber die Formel-1-Wochenenden nicht mehr mit rennsportfremden Menschen in der mobilen Teamzentrale verbringen. Schon beim Großen Preis von Ungarn am Sonntag darf er endlich seiner Bestimmung nachgehen: Der Heppenheimer wird das Cockpit des gefeuerten Scott Speed beim Rennstall Toro Rosso bis zum Saisonende übernehmen. Vettel, der als großes Talent gilt, ist damit der fünfte permanente deutsche Grand-Prix- Pilot in dieser Saison. „Ich bin Stammfahrer in der Formel 1 – ich kann es noch gar nicht glauben“, sagte er. Seinen Job als Ersatzpilot und Entertainer bei BMW-Sauber wird Timo Glock übernehmen.

Schon beim Rennen am Nürburgring vor einer Woche hatte Vettel die Unzufriedenheit über seine Situation bekundet und laut über einen Weggang von BMW-Sauber nachgedacht. Nachdem er als Vertreter für den verletzten Kubica in Indianapolis als jüngster Pilot überhaupt einen WM-Punkt geholt hatte, ereilte ihn abgesehen von einigen Starts in der Renault-Nachwuchsserie die Beschäftigungslosigkeit: „Die Testkilometer wurden in diesem Jahr extrem reduziert, und wir Testfahrer leiden am meisten darunter.“ Er warte auf Signale von BMW, teilte er mit, und schickte gleich selbst eins an seinen Arbeitgeber: „Ich möchte schon hier bleiben, aber ich muss ehrlich sagen, dass ich mir so etwas wie zuletzt nicht mehr lange vorstellen kann.“ Darüber hinaus war auch die langfristige Perspektive wenig aussichtsreich: An Heidfeld und Kubica wäre Vettel auch im nächsten Jahr nicht vorbei gekommen. Nach langen Verhandlungen gab BMW-Teamchef Mario Theissen seinen Fahrer für den Rennstall des Red-Bull-Konzerns schließlich frei. „Wir haben Sebastian über Jahre gefördert und ausgebildet“, erklärte Theissen. „Seiner Karriere jetzt Steine in den Weg zu legen, widerspräche unserer Auffassung von Talentförderung.“

Dass die beinahe schon gescheiterten Gespräche mit Toro Rosso doch noch zum Erfolg führten, überraschte selbst Vettel: „Für mich wird ein Traum wahr.“ Entscheidende Grundlage für die Realisierung des Traums waren die Leistungen des US-Amerikaners Speed, der nur dem Namen nach etwas mit Schnelligkeit zu tun hatte. Nach dem Doppelausfall seiner Fahrer Vitantonio Liuzzi und Speed am Nürburgring ließ Teamchef Franz Tost wissen: „Wir sind nicht nur mit dem heutigen Auftritt unserer Piloten unzufrieden, wir sind mit der gesamten Performance der letzten Zeit unzufrieden.“ Speed musste gehen – er behauptet, dass Tost ihn sogar geschlagen habe.

Züchtigungen muss Vettel beim WM- Vorletzten Toro Rosso nicht erwarten; er ist der Wunschpilot der Teamführung. „Wir wollten ihn unbedingt haben“, sagt Anteilseigner Gerhard Berger. Allerdings ist sich Vettel darüber im Klaren, dass sein neuer Wagen kein Traumauto ist. „Sicher ist, dass das Auto vielleicht nicht ganz so gut ist. Deshalb kann ich noch nichts darüber sagen, wie weit wir kommen können.“ Außerdem fehlen ihm auch dringend benötigte Testkilometer. „Das ist natürlich nicht einfach“, gab Vettel zu. „Ich werde ein bisschen Zeit brauchen.“

Die gesteht man ihm auch zu. „Sebastian hat ideale Voraussetzungen, aber man darf nicht vergessen, dass er noch ein Nachwuchsfahrer ist“, sagte Berger. „Wir planen eher langfristig mit ihm.“

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