Sport : Pimpfe in den Tod geschickt

Nach einem Urteil des Landgerichts Darmstadt hat der Sportfunktionär Carl Diem 1945 Jugendliche zum "finalen Opfergang für Führer und Vaterland" aufgerufen. Das Gericht wies mit dieser Feststellung die Klage von Diems 66-jährigem Sohn Carl-Jürgen gegen die Vizepräsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), Rüdiger Nickel und Theo Rous, ab. Diem hatte verlangt, dass die beiden Funktionäre entsprechende Äußerungen zurücknehmen. Die Kosten des Verfahrens trägt der Kläger. Carl Diem (1882 bis 1962) gilt als Erfinder des Sportabzeichens und der Bundesjugendspiele. 1936 organisierte er die Olympischen Spiele in Berlin. Nach dem Krieg baute er die Sporthochschule Köln auf.

Im Mittelpunkt des Verfahrens stand eine Rede, die Diem am 18. März 1945 in Berlin vor dem Volkssturm gehalten hatte. "Der Wortlaut ist nicht mehr zu rekonstruieren", sagte der Vorsitzende Richter Horst Spengler. Stichwortzettel und Augenzeugenberichte ließen aber keinen Zweifel daran, "dass er vor den Volkssturm-Pimpfen geäußert hat, es sei verdienstvoll, für das Vaterland zu sterben". Die Aussagen der Beklagten sieht Spengler durch die Meinungsfreiheit gedeckt: "Das postmortale Persönlichkeitsrecht von Carl Diem wird nicht verletzt." Die Beurteilung der Rede sei nicht Aufgabe des Verfahrens gewesen. Sie habe jedoch mit dazu beigetragen, dass der Volkssturm gegen die anrückende Rote Armee gekämpft habe. Nach Untersuchungen von Historikern sind damals mehr als 2000 Menschen getötet worden, viele von ihnen nicht älter als 15 Jahre.

Die Rolle Carl Diems in der NS-Zeit wird seit einigen Jahren diskutiert. Nach mehreren Veröffentlichungen über seine Berliner Rede benannte der DLV den seit 1964 verliehenen Carl-Diem-Schild um. Ab 2002 erhalten Persönlichkeiten, die sich um die Leichtathletik verdient gemacht haben, den DLV-Ehrenschild. Der Deutsche Sportbund hat seine Carl-Diem-Plakette aber auch für 2001/2002 ausgeschrieben. Mitte der 90er Jahre hatte sich eine Expertenkommission unter dem früheren DSB-Vizepräsidenten Ommo Grupe mit Diem beschäftigt und keinen Grund gefunden, den Wissenschaftspreis umzubenennen. Auf Grund der aktuellen Diskussionen hat das DSB-Präsidium die Experten um erneute Prüfung gebeten.

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