Ping Pong in Peking : Geförderte Demenz

Unsere Olympiareporter spielen sich die Bälle zu. Hier schreibt Friedhard Teuffel über seinen ausgebremsten Bewegungsdrang.

Friedhard Teuffel[Peking]
Friedhard Teuffel
Friedhard Teuffel berichtet aus Peking für den Tagesspiegel über Olympia.Foto: Q

Es soll nicht wehleidig klingen, aber bei diesen Spielen lauert einem eine neue Krankheit auf. Sie breitet sich so langsam und unsichtbar aus, dass die meisten eine Infektion wahrscheinlich noch gar nicht bemerkt haben. Ein großer medizinischer Kongress in, sagen wir, Chicago wird sich sicher noch in diesem Jahr mit ihr beschäftigen und so bezeichnen: Morbus Olympia Pekinensis.
 
Die Symptome dieser Krankheit sind vor allem Muskelschwund und Demenz. Ist doch klar: Alles wird einem hier abgenommen. Man kann in den olympischen Mensen kein Tablett nach einer Mahlzeit nach oben wuchten und abstellen, weil es einem sofort von freiwilligen Helfern aus der Hand gerissen wird. Dass sie dabei auch noch lächeln, macht die Krankheit umso gefährlicher. Ein Infektionsherd sind auch so genannte Infostände, an denen auf eine Frage gleich so viele Auskünfte erteilt werden, dass man das Lesen von Fahrplänen blitzschnell verlernt. Ebenso die Beobachtung des Wetters. Kaum droht auch nur ein Tropfen vom Himmel zu fallen, werden einem vor manchen Wettkampfstätten sofort Regenpelerinen ausgehändigt. Es wurden auf dem Olympiagelände schon jede Menge Menschen gesichtet, vor allem aus der westlichen Welt, deren Immunsystem dieser Krankheit einfach nicht standhält. Akute Trägheitsanfälle sind zu beobachten und außerdem, dass manche wirres Zeug reden. Zum Glück sind wir rechtzeitig gewarnt worden. So können wir eine Sofortmaßnahme einleiten gegen geistige und körperliche Bewegungslosigkeit: so schnell wie möglich diesen Text zu Ende schreiben.

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