Ping Pong in Peking : Nachts am Olympischen Dorf

Unsere Olympiareporter spielen sich die Bälle zu. Hier schreibt Benedikt Voigt über nächtliche Einblicke ins Athletendorf.

Benedikt Voigt[Peking]
Benedikt Voigt
Benedikt Voigt berichtet aus Vancouver für den Tagesspiegel über die Winterspiele.Foto: Q

Um das vorweg klar zu stellen: Der Olympiareporter ist kein Spanner. Es hatte sich einfach so ergeben, dass er nachts in die Zimmer fremder Menschen blickte. Schuld daran sind ohnehin nur die chinesischen Sicherheitskräfte, die während der Eröffnungsfeier das Olympische Gelände weiträumig abgesperrt hatten. So weiträumig, dass es nachts um zwei Uhr immer noch kein Taxi bis zu jener Stelle geschafft hatte, an der mehrere Hundert Journalisten auf Mitnahme hofften. Der Olympiareporter musste sich, wie viele andere, auf eigene Faust auf Taxisuche begeben. Sein Weg führte ihn zur Südseite des Olympischen Dorfes.
 
Was sucht der afrikanisch aussehende Mann im dritten Stock des zweiten Blocks auf seinem Schrank? Etwas Rechteckiges liegt dort herum, es könnte sein Koffer sein. Falls das stimmt, dann scheint er seine Sachen nicht ordentlich gepackt zu haben. So lange, wie er schon auf dem Schrank herumsucht. Im übrigen lässt die Inneneinrichtung, so weit man das von der menschenleeren Straße erkennen kann, auf  schwedisches Möbeldesign schließen.
 
Einige Meter weiter gibt es im fünften Stock wieder etwas zu sehen. Ein Athlet, oder ist es ein Betreuer, sitzt vor seinem Computer und tippt. Zwei Wohnblöcke weiter vorne ist ein türkischer Athlet zu erkennen. Könnte allerdings auch ein Chinese sein. Die Farbe der Fahne jedenfalls, die vor seinem Fenster hängt, lässt sich im Dunkel der Nacht als Rot erahnen. Der Mann also, der eventuell ein Türke ist, geht durch sein Zimmer. Er geht zur Tür. Dann ist er weg. 
 
Zugegeben, der Olympiareporter hatte sich das nächtliche Leben im Olympischen Dorf auch spannender vorgestellt. Zwar sind rund zwei Drittel aller Fenster hell erleuchtet, was auf nächtliche Aktivitäten deutet, aber das könnte auch der Eröffnungsfeier geschuldet sein, die vor zwei Stunden zu Ende gegangen ist. Wo bleiben die berühmten Partys im Olympischen Dorf, die nächtlichen Feiern auf dem Zimmer mit anderen Nationen, die Ausgelassenheit? Wahrscheinlich ist am ersten Tag noch niemand in Feierlauen, womöglich wohnen auf der Südseite des Dorfes nur Schützen, Judoka oder Gewichtheber, die am nächsten Morgen zum Wettkampf müssen. Oder es ist die Heimat völlig humorfreier Länder.  Wenn der Olympiareporter das nächste Mal ein Taxi sucht, wird er jedenfalls  lieber auf die Westseite des Dorfes nehmen. Wo wohnen eigentlich die Jamaikaner?
 
 

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