PINGPONG in Peking : Auf die Plätze, fertig, stopp! Friedhard Teuffel über

Chinas neue Lieblingsdisziplin

Friedhard Teuffel

Man hatte doch schon immer das Gefühl, dass bei Olympia etwas fehlt. Etwas Entscheidendes. Olympia war bisher irgendwie einseitig. Es geht immer um Bewegung. Immer muss jemand rennen, springen oder sonst wie rumhampeln. Mindestens seinen Finger muss der Athlet krumm machen, damit sich der Schuss etwa aus seiner Schnellfeuerpistole löst, sonst ist es kein Sport. Aber das ist Quatsch. In Peking zeigen die Chinesen nun einen Demonstrationswettbewerb, der das Verständnis von Olympia verändern wird: Es ist das Stehen.

Stehen ist in China ein Boomsport. An vielen Straßenecken, in Geschäften, an allen möglichen Eingängen steht jemand – völlig bewegungslos. Die Arme hängen seitlich am Körper herunter. Die meisten haben als Sportbekleidung Uniformen an, Uniformen der Polizei, des Militärs oder von privaten Sicherheitsdiensten. Diese Leibesübung erfordert eine hohe Konzentration sowie eine bestens trainierte Rumpfmuskulatur. Krampfadern und Thrombosen sind hier die häufigsten Sportverletzungen. Es gibt auch Mannschaftswettbewerbe, meistens ausgeübt von Wachsoldaten, die in einer Reihe stehen. Das ist die Champions League der Steher, alles total durchorganisiert. Aber es gibt auch noch Sportler, die sich einfach an einer Garage aufgestellt haben, in die wahrscheinlich noch nie ein Auto reingefahren ist. Das sind die Straßenfußballer unter den Stehern.

Diese Sportart drängt geradezu ins olympische Programm. Denkbar ist ein Sprintwettbewerb, also eine Stunde, bis hin zum Marathon, dem Acht-Stunden-Stehtag. Die Sieger sind leicht zu ermitteln – für jeden Grad Neigungswinkel gibt es Punktabzug. Endlich eine Sportart, die den Begriff Disziplin wirklich verdient.

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