PINGPONG in Peking : Schleichen und genießen Benedikt

Voigt entdeckt die Vorteile der chinesischen Langsamkeit

Benedikt Voigt

Eigentlich ist China ein anarchistisches Land. Es gibt vielleicht Regeln, aber nur selten werden diese auch durchgesetzt. Am besten lässt sich das im Verkehr erkennen. In Peking müssen an jeder größeren Straßenkreuzung Helfer mit Pfeife und roter Fahne eingesetzt werden, deren einzige Aufgabe es ist, Fußgänger und Radfahrer bei einer roten Ampel zum Stehen zu bringen. Gerne werden auch Fußgängerüberwege zum Überqueren einer Straße benutzt – von Autos! Und gelegentlich sieht man Fahrzeuge, die ein gerade überholendes Fahrzeug überholen.

Alles ist möglich in China, nur nicht während der Olympischen Spiele. Hier ist auf Polizeiwagen plötzlich der Hinweis zu finden: „Willkommen bei Olympia, beachte die Regeln, zivilisiertes Fahren gibt der Stadt ein gutes Image.“ Und Image ist wichtig in diesen Tagen. Das scheint vor allem für die Fahrer der offiziellen Olympiabusse zu gelten. Sie schleichen auf den freien olympischen Spuren mit maximal 50 Stundenkilometern durch die Stadt. Wahrscheinlich hat das mit dem Motto „Green Olympics“ zu tun und soll den Abgasausstoß reduzieren. In diesem Fall wären die „Green Olympics“ auch „Slow Olympics“. Ein Konzept, das man genauer betrachten sollte. Ähnlich dem Slow Food dürften Slow Olympics genussvollere, bewusstere Spiele sein. Die Langsamkeit wäre die Chance, die ruhige Seite Pekings zu entdecken. Und sei es nur eine enge Hutonggasse, an der man sonst achtlos vorbeigerast wäre. Was aber, wenn sich dieses Konzept auch beim 100-Meter-Lauf durchsetzt? Das wäre fast schon wieder anarchistisch.

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