Pioniertaten im Frauenfußball : Das wollen wir auch!

Die ersten Frauen, die er trainierte, wussten einfach nicht, was ein Ball ist – Ferdinand Stang konnte kaum hinsehen. Wie er 1977 trotzdem mit seinem Team vom Schützenverein fast Deutscher Meister wurde – und warum Bärbel Wohlleben den Verein danach verließ.

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Bärbel Wohlleben arbeitet heute als Trainerin (l.).
Bärbel Wohlleben arbeitet heute als Trainerin (l.).Foto: Günther Bauer

Die Frauen schauten zu. Meist schossen ihre Männer aus allen Läufen, denn sie waren Mitglieder der Frankfurter Schützengemeinschaft NSG Oberst Schiel. Oberst Schiel wiederum war ein Frankfurter Offizier, der einst als Kommandeur des deutschen Freikorps in Südafrika aufgefallen war und seine Lebenserinnerungen unter dem Titel „23 Jahre Sturm und Sonnenschein in Süd-Afrika“ veröffentlicht hatte.

1967. Die Sonne schien und die Schützen aus Frankfurt-Niederrad stürmten, aber sie schossen nur mit einem Ball, denn Fußball spielten sie auch gern, obgleich nur nebenbei. Jetzt spielten sie gegen den Betriebssportverein Franken 66 von nebenan aus dem Gallus-Viertel. Und da saßen die ewigen Zuschauerinnen des Lebens, die Frauen der Schützen, sahen ihren Männern zu und dachten: Das wollen wir auch! Nachher beim Bier wiederholten sie: Das wollen wir auch!

„Und dann schauten alle mich an. Ferdi, du machst das, haben sie gesagt!“ Der Schrecken von damals steht wieder in Ferdinand Stangs leicht verwittertem Gesicht. War das nicht ein furchtbarer Irrtum?

Es ist so still in Stangs Steinmetzbüro wie es damals einen Augenblick lang nach diesem Satz gewesen sein muss, bis er begriff, dass er irgendetwas antworten musste. Vor Stangs Büro stehen ernst und stumm noch namenlose Grabsteine und ein Hotel, dahinter sind noch mehr Grabsteine und der Niederrader Friedhof, nebenan ist das Schulungszentrum „Leben und Abschied“. Natürlich, er hätte es sich einfach machen können.

Er hätte den führenden niederländischen Psychologen und Anthropologen Frederik Jacobus Buytendijk zitieren können. Buytendijk zufolge ist Fußball weniger ein Spiel als eine Demonstration der Männlichkeit. Und weiter: „Es ist noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen, wohl aber Korbball, Hockey, Tennis und so fort. Das Treten ist wohl spezifisch männlich, ob das Getretenwerden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nichttreten weiblich.“ Der DFB zitierte auch gern Buytendijk, wenn er darlegen wollte, warum er den Frauenfußball aus grundsätzlichen moralischen und ästhetischen Erwägungen verboten hat. Aber Stang, der alles erreicht hatte, was im Amateurfußball zu erreichen war, kannte den Anthropologen wohl nicht.

Und außerdem sollte es doch nur ein Spaß sein. „Ich glaube, wir haben einmal trainiert“, überlegt Stang, „höchstens zweimal“. Aber schon das bedeutete Schmerz. Sie wussten einfach nicht, was ein Ball ist. „Jedenfalls ist das Nichttreten weiblich.“ Ferdinand Stang hätte es nicht anders formulieren können. Die Frauenmannschaft der NSG Oberst Schiel verlor 1968 gegen die Frauenmannschaft der Franken 3:0. Und schrie: „Wir fordern Revanche!“ Ferdinand Stang erbleichte. Es hatte ihnen also Spaß gemacht.

Nie hätte er damals gedacht, dass er das noch einmal mitansehen könne. Nie hätte er gedacht, dass er einmal mit einer Frauenmannschaft im Finale um die Deutsche Meisterschaft stehen würde. Und dass Frauen wie Bärbel Wohlleben bei ihm spielen würden.

Bärbel Wohllebens Treffer waren schon legendär, als sie zu ihm kam. Die Zuschauer der ARD-Sportschau wählten einen davon 1974 zum „Tor des Monats“. Das Tor einer Frau! Ein Fernschuss aus 20 Metern unter die Latte des Gehäuses der gegnerischen Schlussfrau.

In Ingelheim am Rhein öffnet eine Dame leicht fortgeschrittenen Alters den Kofferraum ihres blauen VW-Cabrio. Er ist bis oben voller Fußbälle. „Die Mädels müssen trainieren“, sagt sie freundlich, aber kurz, füllt die Bälle in zwei Netze und trägt sie federnden Schritts auf den Sportplatz, auf dem sie als Kind selbst trainiert hat. Heimat, das bedeutet Orte zu haben, an die man zurückkehren kann. Die meisten ihrer „Mädels“ gehen auch auf das Gymnasium, auf dem sie einmal war. Nur dass ihr damals niemand angeboten hat, Fußball zu spielen. Im Gegenteil. Weil es immer mehr Mädchen wie sie gab, verbot der DFB 1955 den „Damenfußball“ grundsätzlich, zum Schutz der Würde der Frau, und drohte Clubs empfindliche Strafen an, sollten sie Frauen ihre Anlagen überlassen.

Ein Jahr zuvor – Bärbel war zehn Jahre alt und mit ihrer Familie bei einem Freund des Vaters eingeladen, der einen Fernseher besaß – sah sie etwas, das ihr ganzes weiteres Leben bestimmen würde: das Wunder von Bern. Bärbel Wohlleben sah die Spieler, sah mit Erstaunen, was sie auslösten bei Menschen, die eigentlich ganz normal waren und zu keinerlei Ekstasen neigten. Und sie beschloss: Das will ich auch! Es genügt noch heute, Bärbel Wohlleben anzuschauen, um zu wissen, dass es sinnlos war, sie umzustimmen. Sie ist ein Willensmensch. Anders taugt man nicht zum Sportler im ernsthaften Sinn. Der DFB hatte den Frauenfußball nicht zuletzt deshalb verboten, weil er ihn für eine spezielle Form des Zirkus hielt. Aber Bärbel Wohlleben wollte nicht zum Zirkus, sondern zum Fußball.

Ihr Bruder brachte sie hin. Die Aufnahmeprüfung war leicht: Ringkämpfe im Sandkasten mit den Jungen, auch zehn Jahre alt. „Ich glaube, ich habe die Hälfte verloren und die andere Hälfte gewonnen“, sagt Bärbel Wohlleben. Auf dem Feld gehört sie bald zu den Besseren. Und außerdem wurde sie eine Sensation: das einzige Mädchen in ganz Rheinland-Pfalz, das bei den Jungen mitspielen durfte. Ihr Vater, Turner, Anwalt und Justiziar beim Südwestdeutschen Fußballverein hatte eine einmalige Sondergenehmigung für seine Tochter erwirkt. „Ich war meist der zweite Mittelstürmer rechts außen. Und natürlich haben wir immer Großfeld gespielt.“ Sie betont das. Denn dass Frauen nur Kleinfeld spielen können, glaubte der DFB noch sehr lange.

Spätestens mit 14 Jahren beginnt ein Mädchen wie ein Mädchen auszusehen. Mit 14 war für Bärbel Wohlleben Schluss; sie trainierte noch mit ihrer Mannschaft, aber an Wettkämpfen durfte sie nicht mehr teilnehmen. Bis 1969 war sie ohne Verein. Ferdinand Stang aber hatte zu diesem Zeitpunkt die Entscheidung seines Lebens gefällt.

Eigentlich waren es gleich mehrere. Die Familie Stang hält die Stellung vorm Niederrader Friedhof schon seit mehr als 100 Jahren, ungefähr so lange wie Oberst Schiel – einst Ratgeber und Minister beim König der Zulu, später Kommandeur des Forts von Johannesburg – in der Bad Reichenhaller Ehrengruft liegt. Schon der Urgroßvater Stang war hier Steinmetz gewesen.

Und nun bist du dran, hatte der Großvater zu seinem Enkel gesagt, der absolut keine Lust hatte, sein Leben vor einem Friedhof zu verbringen. „Ich wollte Ingenieur werden oder Pilot. Ich hätte das gekonnt“, sagt Stang, „ich wäre ganz sicher auch ein guter Bundesligaspieler geworden.“ Aber der Großvater, der wunderschöne kniende Kinderengel mit sehr langen Flügeln und überkreuzten Händen aus weißem Marmor schlagen konnte, blieb hart wie Stein. So hatte der junge Ferdinand Stang also den aktiven Fußball aufgegeben, machte nunmehr eine Steinmetzlehre in Frankfurt am Main, und beschloss auch noch diese letzte Demütigung, Frauentrainer zu werden, mit Würde anzunehmen. Aber unter einer Bedingung, hatte er gesagt.

Welche Anforderungen Ferdinand Stang hatte und was daraus wurde, lesen Sie auf der nächsten Seite.

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