• Pitbull mit dem stechenden Blick - Männer, die Europas Fußball besser machen (II)

Sport : Pitbull mit dem stechenden Blick - Männer, die Europas Fußball besser machen (II)

Martin Hägele

Wenn man von der Autobahn nach Rotterdam kommt, sieht man das Gebäude der "Nationale Nederlanden" von weitem. Es ist eines der höchsten in der flachen Städte-Landschaft, weshalb das Poster, das auf der Fassade des Hauses aufgemalt ist, besonders wirkt. Es zeigt Edgar Davids beim Fußballspielen. Wer vor holländischen Großstädten die Autobahn verlässt und sich den Zentren über kleine Straßen nähert, der sieht dabei Kinder, die kicken. Die meisten sind Türken oder Farbige aus Afrika und Asien. Und viele dieser Kids tragen eine Brille. Keine normale Brille, sondern jenes Modell, das Edgar Davids trägt, wenn er für Juventus Turin oder im orangenen Shirt für die Nationalelf Hollands den Ball vor sich hertreibt.

Auf die Idee, dass sich diese Versicherungs-Gesellschaft, der Hauptsponsor vom "Koninklijke Nederlandse Voetbalbond", ihre Zentrale mit dem Konterfei des Rasta-Mannes Edgar Davids schmücken würde, wäre vor vier Jahren kein normaler Holländer gekommen. Damals bestätigte der 23-Jährige beim EM-Turnier in England lediglich die allgemein verbreitete Meinung über Davids: Hitzkopf, keine Kinderstube, zu wenig Hirn. Wieso ist der Kerl schon in der Jugend ständig vom Platz geflogen?

Die drei oder vier Tonbänder der deutschen Sportreporter, die Edgar Davids auf den letzten Metern des kleinen Zeltes, das in Birmingham als Mixed Zone diente, sind mittlerweile Dokumente der holländischen Sportgeschichte. Wir hatten gefragt, warum ausgerechnet ein Antreiber seiner Klasse beim 1:0-Sieg über die Schweiz erst acht Minuten vor Schluss von der Bank gekommen war. Davids: "Ich werde schon wieder spielen. Aber zuerst sollte der Trainer den Kopf aus dem Arsch einiger Spieler ziehen." Tags darauf wurde Davids unehrenhaft entlassen, in Holland geoutet als Flegel. Doch das war ein recht oberflächliches Urteil, in Wirklichkeit war Davids nur der Auslöser eines Konflikts, der zu jener Zeit im Team von Ajax Amsterdam, dessen Vertreter den Großteil des Nationalkaders stellten, schon lange geschwelt hatte.

Noch nie stammten so viele Nationalspieler aus der ehemaligen Kolonie Surinam; nie zuvor sind die jungen Ajax-Stars so schnell reich und mit Millionen-Angeboten aus dem Ausland eingedeckt worden; nie zuvor sind die ethnischen, kulturellen und sozialen Hintergründe krasser gewesen. Außerdem kam die junge, farbige Generation mit den Vertretern des Establishments, Kapitän Danny Blind und den einflussreichen de Boer-Zwillingen, nicht klar.

Doch bereits bevor Guus Hiddink eineinhalb Jahre später Davids begnadigte, hatte der Bondscoach diese internen Spannungen beseitigt. Wozu auch die Berufung von Frank Rijkaard als Assistent beigetragen hat. Rijkaard war nicht nur wegen seiner sportlichen Meriten das Vorbild von Davids, auch er trägt die Hautfarbe der Kolonialkinder und hat sich durch ähnliche Verhältnisse nach oben kämpfen müssen. Und es war eine der ersten Aktionen von Hiddinks Nachfolger Rijkaard, dass er Edgar Davids zum stellvertretenden Kapitän neben Frank de Boer ernannte.

In der Öffentlichkeit ist der einstige Rebell längst der wahre Anführer der Oranjes. Wobei er sein Temperament jetzt besser kontrollieren kann. In den Heldensagen der holländischen Sportpresse erscheint er nun als "Piranha" oder der "Pitbull mit dem stechenden Blick".

Das mit dem stechenden Blick stimmt zumindest nicht mehr. Wegen einer Augenoperation brauchte er eine Zeit lang eine dunkle Schutzbrille. Die hat er nun zu seinem Markenzeichen gemacht, trägt sie als einziger Star dieses Sports auch während des Spiels. Wahrscheinlich hat er sich dabei auch vom Outfit der NBA-Cracks beeinflussen lassen. Davids steht auf Basketball, und Denis Rodman ist sein Idol.

Viel mehr wissen auch die holländischen Reporter nicht von Edgar Davids. Es ist nichts Privates bekannt. Davids, der gerade wegen einer Entzündung am Fußnagel operiert wurde, will nur als Spieler beurteilt werden. Er gilt als der größte Kämpfer, den Holland je besaß, und was die Technik betrifft, steht nur noch der Übervater Johan Cruyff vor ihm. Ganz gewiss aber war der Junge aus Paramaribo, der schon recht früh nach Bijlermeer kam, der wildeste und beste "Straßenfußballer", der in diesem surinamischen Getto vor den Toren Amsterdams aufgewachsen ist.

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