Plätze zählen : Deutschland, der ewige Vierte - zumindest gefühlt

Gefühlt ist nicht gleich gezählt: Elfmal mussten sich deutsche Athleten mit dem undankbaren vierten Platz zufrieden geben. Doch: Italien und Frankreich trifft es im Verhältnis noch viel heftiger.

Juliane Schäuble
Peking 2008 - Turnen - Fabian Hambüchen
Bitte, nicht schon wieder. Drei vierte Plätze für Fabian Hambüchen. Das tut weh.Foto: dpa

So ist das mit den Gefühlen. Mitunter sind sie so stark, dass sie unser Denken beherrschen und uns ganz fest an etwas glauben lassen. Doch nicht immer hält das Gefühlte dann auch einer wissenschaftlichen Überprüfung stand (vergleiche Wetterbericht). So auch bei Olympia. Nach Fabian Hambüchens drittem viertem Platz im Turnen oder spätestens den 0,9 Sekunden, die Langstreckenschwimmerin Angela Maurer nach 10 Kilometern am Mittwoch vom Treppchen trennten, konnten aufmerksame Beobachter den Eindruck gewinnen: Deutschland hat den undankbaren vierten Platz abonniert. Immer wieder schrammten deutsche Athleten knapp an einer Medaille vorbei – Hambüchens Gesicht sprach Bände. Viel Arbeit für Deutschlands Mentaltrainer.

Doch: Nach Auswertung aller bisherigen Entscheidungen führen die USA und Russland mit je 19 vierten Plätze die Liste der langen Gesichter an (Stand: Mittwochmittag). Das deutsche Team kommt dagegen "nur" auf elf vierte Plätze, China auf 16 und Australien auf zwölf. Diese Liste fügt sich im Großen und Ganzen in den offiziellen Medaillenspiegel ein, in dem China mit 44 Goldmedaillen vor den USA (26), Großbritannien (16), Russland (12), Australien und Deutschland (jeweils elf) führt.

Die Briten - effizient wie sonst die Deutschen

Noch besser würde es indes zusammenpassen, wenn sich die Amerikaner mit ihrer bevorzugten Art der Rangliste durchsetzten: Misst man die Nationen nach ihrer Gesamtmedaillenzahl, führen die USA mit 79 Medaillen vor China (77), Russland (44), Großbritannien (36), Australien (35) und Deutschland (28).

Ein Land passt jedoch nicht ins Bild: Großbritannien. Die Briten machen sich offensichtlich sonst immer den Deutschen zugeschriebene Tugenden zugute. Effizient wie keine andere Nation stehen sie im Medaillenspiegel mit 16-mal Gold an dritter Stelle. Danach kommen aber nur noch je zehn Silber- und Bronzemedaille – und gerademal vier vierte Plätze. Wenn das mal nicht Konzentration auf das Wesentliche ist! Zum Vergleich: Die Russen haben deutlich mehr Bronze- als Silber-, und erst recht als Goldmedaillen gewonnen.

Italien und Frankreich sind die tragischen Helden

Die eigentlichen tragischen Helden sind indes Italien und Frankreich. Mit lediglich sechs beziehungsweise vier Goldmedaillen kommen sie auf neun beziehungsweise acht fiese vierte Plätze. Doppelt so oft mussten sich die Franzosen also über "knapp vorbei" ärgern, wie sich über Gold freuen durften. Das ist hart. 

Deutschland hat dagegen genauso viele Goldmedaillen wie vierte Plätze abbekommen. Das sollte eine gute Entschädigung sein - und über die gefühlte Ungerechtigkeit hinweghelfen. Und was Fabian Hambüchen betrifft: Am Tag eins nach dem Reck-Finale kann er sich endlich über seine erste olympische Medaille freuen – auch wenn es statt dem erhofften ersten nur zum dritten Platz gereicht hatte. Aber es hätte auch ein vierter werden können – das weiß keiner besser als der Turner selbst.

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