Sport : Planziel aufgegeben

Oliver Trust

Mit neidischen Blicken hasteten die Spieler des Deutschen Meisters davon wie durch einen Fluchttunnel. Direkt gegenüber ihrer Kabine, es sind höchstens drei Meter von Tür zu Tür, schlenderten die Gegner mit Nudelbergen auf ihren Tellern vom eigens bestellten Büfett zurück in ihr Refugium. Die Kabine des Tabellenführers als Pasta-Tempel, und das in der Weißwursthochburg München. Fast respektlos wirkten die Szenen. Bayern in einer fundamentalen Schaffenskrise und Dortmund macht es sich nach einem 1:1 im Olympiastadion gemütlich. Früher wäre so etwas nicht passiert.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Aber heute, sagte Mehmet Scholl, "ist der Respekt geschrumpft. Wir haben nicht die Ausstrahlung." Sein Blick bekam etwas Wehmütiges. "Wir müssen wieder dahin kommen, dass die Gegner die Hosen voll haben". Im Augenblick sieht das eher anders aus. Ein Sonntag ohne Training, damit jeder den dicken Hals auskurieren kann. Montag ab 16 Uhr Laufen in der Abgeschiedenheit eines bayrischen Waldes.

Vielleicht liegt es doch an der Ernährung. Bayern-Manager Uli Hoeneß hatte als letzten Aufruf zur Geschlossenheit die Spieler nach dem Debakel von St. Pauli zu schnöden Scampi-Essern degradiert. Er erntete Anklagen statt einer Trotzreaktion. "Wenn du immer auf die Fresse kriegst", klagte Scholl, "gehst du mit einem Rucksack aufs Spielfeld." Und Giovane Elber stöhnte: "Das ist für uns alle eine völlig neue Situation." Sogar die "Abendzeitung" hatte zugelangt und einen schwabbeligen Fleischberg mit dicken Schwimmringen um den Bauch abgebildet, der Stefan Effenberg verdächtig ähnelte.

"Blödsinniger Populismus", fauchte Kahn, "das bringt keinen weiter." Der Verein müsse lernen, sich seriös zu verhalten. "Ziele neu stecken und auf Platz drei konzentrieren", diktierte Klubchef Beckenbauer seinen Angestellten. Eine bleierne Schwere lag in der Luft, als die Münchner alle Meisterschaftsträume beerdigten. Passend dazu entdeckte Torschütze Elber "eine große Traurigkeit in der Kabine, da ist kein Spaß mehr".

Der störende Rucksack aber, damit könnten auch der schwache Regisseur Stefan Effenberg und Trainer Hitzfeld gemeint sein. Warum er denn so oft falsch auswechsle und die falschen Spieler aufstelle, sticheln die Münchner Zeitungen. Es sind eine Menge unangenehme Fragen, die auf den Klub niederprasseln. "Am liebsten würde ich jeden Tag spielen, um aus dieser Scheiße heraus zu kommen", sagte Mehmet Scholl.

Die "moralischen Sieger", wie BVB-Präsident Gerd Niebaum süffisant feststellte, schaufelten derweil Nudeln in sich hinein. Nur ein Sieg fehlte zur westfälischen Glückseligkeit. So waren es die kleinen Erfolge, die zählten. Wie kurz der Weg vom Schuft zum wohlerzogenen Borussen ist, spürte vor allem Sebastian Kehl. Der 21-Jährige grinste wie ein Abiturient nach der Reifeprüfung. Vor ein paar Wochen stand er als Abzocker da, weil er den Bayern zusagte, dann doch nach Dortmund wechselte. Jetzt gehörte er zu den Gewinnern. Routiniert erledigte Kehl den Job auf dem Spielfeld und redete danach, als sei er seit Ewigkeiten Dortmunder und nicht erst kürzlich aus Freiburg gekommen. "Eine starke Leistung" bescheinigte ihm Trainer Matthias Sammer. Kehl selbst blieb auffällig bescheiden. Selbst den Ellbogencheck von Effenberg in sein Gesicht wollte Kehl nicht kommentieren: "Das habe ich vergessen". Den sportlichen Zweikampf mit Stefan Effenberg gewann er jedenfalls um Längen. Sein sportliches Ziel für diese Saison? Sebastian Kehl lächelte und legte alle Bescheidenheit ab: "Als Tabellenführer kann das Ziel Meisterschaft ja wohl keinen überraschen."

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