Sport : Plastik am Rücken

Die deutschen Eisschnellläuferinnen verzichten bei der WM in Hamar auf neue Anzüge

Mathias Klappenbach

Berlin. Die anderen Anzüge saßen irgendwie nicht richtig. Als die beiden deutschen Eisschnellläuferinnen Anni Friesinger und Claudia Pechstein vor einiger Zeit die neuesten Entwicklungen auf dem Materialsektor am Körper trugen, waren sie nicht zufrieden. „Mir passte er nicht“, sagte Pechstein. Auch bei Anni Friesinger war die Taille zu weit, und „der Anzug hatte Plastik am Rücken und außen am Oberschenkel“.

Die beiden Dauerrivalinnen werden deshalb bei der Allround-Weltmeisterschaft in Hamar am Wochenende in ihren gewohnten Anzügen als Favoritinnen um die Medaillen laufen. Scheinbar ein Nachteil, denn die größten Konkurrentinnen Renate Groenewold (Niederlande) und Jennifer Rodriguez (USA) flitzen schon seit einiger Zeit in Outfits um das Eisoval, die wichtigen Muskelgruppen die Schwerstarbeit ein wenig erleichtern. „Vor zehn Jahren hat der materialtechnische Bereich vielleicht 0,5 Prozent der Leistung ausgemacht. Heute sind es eher fünf Prozent“, sagt Günter Schumacher, der Sportdirektor der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG). Schlittschuhe und Anzug spielen im Kampf um Hundertstelsekunden eine große Rolle. „Wir haben keinen schlechten Anzug“, sagt Schumacher. Aber den besten?

Fest steht: Bei Olympia 2006, so hat sich die DESG jetzt mit ihrem langjährigen japanischen Ausrüster Mizuno geeinigt, werden die deutschen Athleten mit einer Neuentwicklung an den Start gehen. Den aktuellen Anzug tragen sie seit 2002. Bei der Kurzstrecken-WM in Seoul vor drei Wochen soll darüber verhandelt worden sein, einen anderen Anzug, der nur das Logo des Vertragspartners Mizuno trägt, einzusetzen. Offiziell bestätigt das niemand. Cheftrainer Helmut Kraus spricht von einer „guten Zusammenarbeit“ mit dem Ausrüster. „Das Produkt muss vom Zulieferer optimiert werden, das ist wie bei der Formel 1“, sagt Schumacher.

Wie Formel-1-Autos werden auch die Rennanzüge im Windkanal getestet. Im Gespräch mit Experten geht es schnell um Begriffe wie plastifizierte Oberfläche und Dehnkoeffizient. Neben der Aerodynamik wird aber auch die Physiologie immer wichtiger. „Man muss sich das so vorstellen wie bei einem Taucheranzug, den man an Land trägt“, erklärt Schumacher. „Wenn sie sich bewegen, kontrahieren ihre Muskeln. Und danach kontrahiert der Anzug, auch der bewegt sich.“ Die neuesten Modelle der Konkurrenz versuchen, diesen Pumpmechanismus als Hilfe für die Vorwärtsbewegung zu nutzen.

Wie viel Zeit das bringt, ist umstritten. Bei idealer, tiefer Körperhaltung und verschränkten Armen können das ein paar Zehntelsekunden pro Runde sein. Entscheidend sei aber, so Schumacher, „das persönliche Tuning“ der Läuferinnen. Sie müssen sich mit dem Material in der Bewegung wohl fühlen. Wie Anni Friesinger, die 2001 und 2002 ohne Plastik im Anzug Allround-Weltmeisterin wurde und in diesem Jahr als erste Läuferin überhaupt Medaillen bei vier großen internationalen Meisterschaften gewinnen kann. Hamar ist der dritte dieser Wettkämpfe, und die Chancen auf den Titel stehen gut. Trotz der Erkältung aus der vergangenen Woche. Und trotz des Anzugs.

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