Platzsperre : Vorteil St. Pauli

Vom Geisterspiel zur Platzsperre: Das abgemilderte Urteil im Prozess um den Bierbecherwurf hilft dem FC St. Pauli im Abstiegskampf. Nun sind Hannover und Bremen als Spielorte für das Match gegen Werder im Gespräch.

Frank Heike

Die flankierenden Maßnahmen hatten Anfang der Woche begonnen. Zahlreiche Fachleute waren nach dem Geisterspiel-Urteil des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gegen den FC St. Pauli zu Wort gekommen, größtenteils gefragt von den beiden Hamburger Boulevardzeitungen „Bild“ und „Morgenpost“. Von Beckenbauer über Seeler bis Heynckes äußerten sich Experten aus Vergangenheit und Gegenwart. Ihre Meinung: St. Pauli werde zu hart bestraft, sollte das DFB-Urteil Bestand haben, nach das Heimspiel am Ostersamstag gegen Werder Bremen wegen des Bierbecher-Wurfs aus dem Schalke-Spiel vor leeren Rängen stattfinden sollte.

Man kann nicht sagen, warum genau der DFB sein Urteil nach Anhörung der Argumente St. Paulis wieder kassierte und es deutlich abmilderte, doch dürfte der bundesweite Aufschrei der Solidarität einen großen Anteil daran gehabt haben. Dass der FC St. Pauli in Person von Manager Helmut Schulte und Vizepräsident Gernot Stenger langen Atem bewies und durch die Instanzen ging, schien zunächst wenig Aussicht auf Erfolg zu haben. Jetzt dürfen sich die Verantwortlichen des Aufsteigers wie Sieger fühlen – auch wenn sie das Urteil öffentlich als hart bewerten, nach dem sie das erste Heimspiel der neuen Saison 50 Kilometer entfernt von Hamburg und vor lediglich 12 500 Zuschauern austragen werden müssen. Als mögliche Spielorte gelten Bremen und Hannover.

Sechs Minuten lang führte Vizepräsident Stenger, im Hauptberuf Rechtsanwalt, die Argumentation des FC St. Pauli aus. Er sagte: „Den Wurf eines einzelnen können wir durch keine uns zur Verfügung stehende Schutzmaßnahme verhindern.“ Siegerminen wollten Stenger und Schulte anschließend nicht aufsetzen, als Sieger fühlen durften sie sich schon. "Es ist sehr positiv, dass nicht in den laufenden Spielbetrieb eingegriffen wird", sagte Schulte. Als lascheres Urteil als das ursprüngliche wollte DFB-Richter Hans Lorenz die neue Strafe nicht betrachten – die beiden Sanktionen stünden juristisch gleichrangig nebeneinander. Was Lorenz in seinem Schlusswort aber etwas überraschend herausstellte, war eine Art Sonderstellung des FC St. Pauli bezüglich seiner Fans und Fanarbeit: „Der FC St. Pauli ist ein besonderer Verein mit einer besonderen Fankultur. Das wird er auch bleiben, auch über dieses Urteil hinaus.“

Zwei Heim- und drei Auswärtsspiele bleiben dem FC St. Pauli, den Abstieg noch zu verhindern. Das Urteil „Geisterspiel“ ist seit Donnerstag vom Tisch, und der Sieg vor Gericht dürfte beim Team neue Kräfte freisetzen. Am Samstag in Wolfsburg, in einer Woche gegen Bremen und dann in Kaiserslautern – noch hat der FC die Möglichkeit, gegen Mitkonkurrenten zu punkten. Nach einer turbulenten Woche mit dem tränenreichen Abschied von Trainer Holger Stanislawski im Zentrum wird schon die Partie am Samstag in Wolfsburg zeigen, wie lange der unerhoffte Rückenwind trägt. Die Mannschaft scheint langsam zu verdauen, dass ihr wichtigster Vorturner geht. „Es ist gut, dass jetzt die Katze aus dem Sack ist“, sagte Mittelfeldspieler Fabian Boll. „Wir wollen Stani den Klassenverbleib schenken.“ Am Mittwoch schien ganz St. Pauli zu weinen, jetzt weiß der Klub, woran er ist und hat vor Gericht gewonnen: ein nicht zu unterschätzender, unerwarteter Vorteil.

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