Play-off-Halbfinale : Alba Berlin: Ein Team für gewisse Momente

Alba Berlin hat alle Entscheidungsspiele in dieser Saison gewonnen – heute gegen Bonn soll das wieder so sein.

Lars Spannagel[Bonn]
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Fingerspitzengewühl. Albas Adam Chubb (r.) blockt Bonns Earl Jerrod Rowland. Foto: dpa

„Two minutes, Julius!“ Blagota Sekulic beugte sich von seinem Platz auf Alba Berlins Reservebank nach vorne über die Werbebande, um seinen Mitspieler Julius Jenkins mit geballter Faust noch einmal anzufeuern. Das Gesicht des Montenegriners zeigte so kurz vor dem Ende des vierten Play-off-Halbfinals gegen die Baskets Bonn eine Mischung aus höchster Anspannung, wilder Entschlossenheit – und ungläubiger Freude. Denn zu diesem Zeitpunkt lag Alba bereits 60:50 vorne. Eine Führung, die sich Alba bis zum Endstand von 62:52 (28:33) nicht mehr nehmen lassen sollte. Und damit zum wiederholten Mal in dieser Saison ein entscheidendes Spiel gewann, als es wirklich drauf ankam.

Immer wenn es in den vergangenen Monaten für Alba um alles ging, hat die Mannschaft ihre besten Leistungen abgeliefert. In der Europaliga standen die Berliner in der ersten Gruppenphase vor dem Aus – und triumphierten überraschend 79:75 beim spanischen Spitzenteam in Badalona. Im Pokalfinale fertigte Alba die mittlerweile fast bedauernswerten Bonner 69:44 ab, im letzten Spiel der regulären Saison gab es einen wichtigen 89:82-Heimsieg gegen die bereits als Finalist feststehenden Oldenburger, der Platz eins und damit das Heimrecht in den Play-offs sicherte. Dort bezwang Alba Paderborn, natürlich im entscheidenden fünften Spiel, mit 66:58. Heute (20 Uhr, Arena am Ostbahnhof) kommt es wieder zu einer Partie der Marke „Do or die“, wenn Alba und Bonn ein letztes Mal um den Finaleinzug kämpfen. „Wir haben uns auf diese Spiele nicht spezialisiert“, sagte Albas Trainer Luka Pavicevic, nachdem sein Team die Serie zum 2:2 ausgeglichen hatte. „Aber ohne solche Partien kann man keine Meisterschaft gewinnen.“

Der Konkurrenz dürfte die Steigerungsfähigkeit der Berliner inzwischen beinahe unheimlich vorkommen. Ohne den verletzten Immanuel McElroy – dem vielleicht wichtigsten Berliner Spieler der Saison – wurde Albas Spiel am Dienstag in der zweiten Hälfte noch einmal eine Klasse besser. „Wir kamen im dritten Viertel nicht mehr gegen den Druck an“, sagte Bonns Trainer Michael Koch von den vergangenen beiden Niederlagen sichtlich gezeichnet. Fünf Minuten lang wollte seinen Spielern kein Korb gelingen. „Da hat unser Selbstvertrauen gelitten.“

Das Gegenteil scheint bei den Berlinern der Fall zu sein. „Der Druck war groß“, sagte Spielmacher Steffen Hamann. „Aber wir sind ruhig geblieben. Wir haben das ganze Jahr hart gearbeitet für diese Momente, das hat sich ausgezahlt.“ Am Dienstagabend brachten vor allen Dingen Casey Jacobsen (zwölf Punkte) und Julius Jenkins (14) die kurz zuvor noch ohrenbetäubend laute Bonner Halle zum Schweigen. Dabei stand Jacobsen die vollen 40 Minuten auf Feld, Jenkins durfte sich nur rund eine Minute ausruhen. Nicht nur der klare Kopf, auch die Fitness scheint für Alba zu sprechen. Trotzdem betonen alle Berliner, dass noch nichts entschieden ist. „Die Serie geht wieder bei Null los“, sagte Hamann. Albas Aufbauspieler weiß aus eigener Erfahrung, was in einem fünften Spiel alles passieren kann. 2004 lag Hamann mit Bamberg bereits 2:0 gegen Alba vorne, ehe die Berliner noch einmal ausgleichen konnten. Im entscheidenden Spiel führte Hamann die scheinbar schon gebrochenen Bamberger mit 25 Punkten zu einem 93:68-Sieg. „Wir waren damals mit Bamberg am Boden. Dann hatten wir aber eine Mannschaftssitzung, haben ein paar Bier getrunken und sind ganz locker nach Berlin gefahren“, sagte Hamann. „Auch die Bonner werden sich etwas einfallen lassen.“ Ganz in diesem Sinne versuchte Michael Koch am Dienstag, den beiden demoralisierenden Niederlagen seines Teams noch eine gute Seite abzugewinnen: „Das Positive ist: Es ist nichts passiert, wir sind noch nicht ausgeschieden.“ Natürlich sei der Vorteil jetzt aber bei Berlin, er hoffe auf eine Trotzreaktion seiner Mannschaft.

Zunächst einmal sitzt der Frust in Bonn jedoch tief. Knapp 6000 enttäuschte Fans strömten nach Spielende fluchtartig aus der Halle, wer nicht schnell genug war, musste sich obendrein ein höhnisches „Ihr habt die Hose voll“ vom feiernden Berliner Anhang anhören.

Was jetzt vor dem fünften Spiel zu tun sei, wurde Michael Koch noch gefragt. „Psychologische Arbeit“, sagte Bonns Trainer. „Aufbauen, aufbauen, aufbauen.“

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