Sport : Plötzlich antastbar

Die Formel 1 hat Ferrari immer geschont – in Monaco war das auf einmal anders

Christian Hönicke[Monte Carlo]

Jacques Villeneuve mochte sich das Unvorstellbare nicht vorstellen. Der kanadische Formel-1-Pilot hatte soeben Michael Schumachers umstrittenes Parkmanöver in Monaco verfolgt und war zu möglichen Sanktionen befragt worden. „Wieso sollte Michael denn bestraft werden?“, fragte Villeneuve mit gespieltem Erstaunen. „Er fährt doch einen Ferrari.“ In der Tat galt in Formel-1-Kreisen ein Sitzplatz in einem der roten Autos bis zum vergangenen Wochenende mehr oder weniger als Freifahrtschein. Seit dem ersten Formel-1-Rennen 1950 ist der italienische Rennstall die Grundkonstante im sich ständig ändernden Grand-Prix-Gebilde und sich dieser herausragenden Rolle durchaus bewusst.

In beeindruckender Regelmäßigkeit droht Ferrari mit dem Rückzug aus der Formel 1 und presst auf diese Weise kleine Wettbewerbsvorteile aus dem Automobil-Weltverband (Fia) heraus. Die Fia weiß ihrerseits, was sie an Ferrari hat. Mehr als jeder andere Rennstall lockt das Team aus Maranello die Fans an die Rennstrecken. „Die großen Hersteller kommen und gehen“, sagt Fia-Präsident Max Mosley. Mit anderen Worten: Sie sind ersetzbar. Ferrari ist das nicht.

Angesichts dieser wirtschaftlichen Bedeutung verwundert es nicht, dass Mosley und Formel-1-Chef Bernie Ecclestone gern mal ein Auge zudrücken, wenn Michael Schumachers Team die Regeln ein wenig dehnt. Und die 100 Millionen Dollar, mit denen der Weltverband seinen liebsten Rennstall im Streit um die Spaltung der Formel 1 auf seine Seite zog, nehmen sich vor diesem Hintergrund fast bescheiden aus. Nicht erst, seit die Roten über Nacht derart entschädigt aus der Koalition der rebellierenden Hersteller ausgebrochen sind, werden sie und die Fia von den Konkurrenzteams als eine Interessengemeinschaft betrachtet.

Die Aberkennung der Poleposition in Monaco hat Michael Schumacher wohl vor allem deshalb so „geschockt“, weil er diese Möglichkeit nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre gar nicht in Betracht gezogen hatte. Wie schwer es dem Team fiel, das Urteil der Rennkommission anzuerkennen, konnte man auch an den Worten des Teamchefs Jean Todt ablesen. Er sagte: „Wir lehnen das Urteil rundweg ab.“

Immer wieder hatte Ferrari unter den Augen der Fia in die Grauzonen des Reglements vordringen dürfen. Beim Grand Prix von Malaysia 1999 etwa hatte ein technischer Beauftragter auf Hinweis des Konkurrenten McLaren-Mercedes festgestellt, dass die Flügel der Ferrari nicht den Regeln entsprächen. Doch statt einer Disqualifikation und dem damit einhergehenden Verlust des WM-Titels konnten sich die Italiener der Unterstützung des mächtigen Verbündeten sicher sein. Die Fia düpierte ihren erfahrenen Mitarbeiter und erklärte seinen Befund zu einem Messfehler. Auch in diesem Jahr hat der Regelhüter bislang nichts gegen die beweglichen – und damit illegalen – Flügel der Ferraris unternommen. Innovationen der Konkurrenz werden dagegen recht schnell verboten, wie 1998 die Wunderbremse von McLaren-Mercedes und später Reifen des Herstellers Michelin. Müßig zu erwähnen, dass Ferrari seine Reifen vom Konkurrenten Bridgestone bezieht.

Dass in Monaco das Unvorstellbare doch vorstellbar wurde und sich die Fia nicht davor scheute, ihr bestes Pferd im Stall zu bestrafen, könnte an Tony Scott-Andrews liegen. Der Rennkommissar, der schließlich das Urteil fällte, ist relativ neu in der Formel 1 und daher wohl noch nicht in deren Seilschaften gefangen. Der Fia-Präsident freilich konnte mit dieser Argumentation wenig anfangen und wollte dies eher als großen Akt der Emanzipation verkaufen. „Wir haben gezeigt, dass wir Ferrari nicht bevorteilen“, sagte Max Mosley.

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