Sport : Plötzlich aufgetaucht

Helge Meeuw ist das Gesicht der Schwimm-Meisterschaften in Berlin

Frank Bachner

Berlin - Helge Meeuw stakste mit seinen nassen Füßen über die Hallen-Fliesen. Er sah komisch aus, dieser holprige Gang, aber Meeuw konnte jetzt nicht anders. „Jedes meiner Beine hat einen Durchmesser von zwei Metern“, stöhnte der 21-Jährige. Das Rennen war erst fünf Minuten her, er hatte noch gewaltige Schmerzen. Und es war erst rund drei Minuten her, dass ihm Örjan Madsen, der neue Sportdirektor des Deutschen Schwimmverbands, die Hand gedrückt hatte, verbunden mit einem einzigen Wort: „Beeindruckend.“ Beeindruckend, wie Helge Meeuw gerade Deutscher Meister im Schwimmen über 200 Meter Rücken geworden war, mit vier Längen Vorsprung. Beeindruckend, wie er in der Halle in Berlin mit 1:56,34 Minuten den 15 Jahre alten Europarekord (1:56,57) und den zehn Jahre alten deutschen Rekord (1:58,42) verbessert hatte. Meeuw hatte gestern seinen fünften Titel bei seinem fünften Start gewonnen, das hatte auf der 50-Meter-Bahn bei deutschen Titelkämpfen noch nie jemand geschafft. Er hatte schon vier Wettkampftage hinter sich, er hatte seine Bestzeit um fast vier Sekunden verbessert. Er liegt jetzt auf Platz eins der Weltrangliste über 200 Meter Rücken und auf Platz zwei der Weltrangliste über 100 Meter Rücken. Er ist auf der Schmetterlingstrecke genauso stark wie im Rückenschwimmen, er kann auch schnell Freistil schwimmen.

„Nur Brustschwimmen kann er nicht“, sagt Brust-Weltmeister Mark Warnecke aus Essen. „Helge Meeuw ist derzeit weltweit der vielseitigste Schwimmer“, sagt Warneckes Trainer Horst Melzer.

Dieser 21-jährige angehende Medizinstudent aus Wiesbaden ist das Gesicht der deutschen Schwimm-Meisterschaft in Berlin. Er könnte das Gesicht des deutschen Schwimmens werden. Im August sind die Europameisterschaften in Budapest, ein anderer Härtetest als nationale Titelkämpfe, aber Madsen sagt: „Helge ist mental in der Lage, dem Druck standzuhalten.“ Und Bundestrainer Manfred Thiesmann ist sicher: „Der schwimmt auch in Budapest über 200 Meter Rücken 1:57 Minuten.“

Meeuw steht auch für eine Botschaft. Es gibt genügend deutsche Schwimmer, die in der Weltspitze mitmischen können. Talente wie Marco di Carli, Trainingskumpel von Meeuw, oder Paul Biedermann aus Halle/Saale, der heute seinen dritten Titel gewinnen kann. Und ältere, lange unauffällige Athleten, die plötzlich ins Rampenlicht drängen. Annika Liebs (26, Würzburg) schwimmt über 200 Meter Freistil in 1:57,56 Minuten auf Rang drei der Weltrangliste, Britta Steffen (23, Neukölln) verbessert im schnellsten 100-Meter-Freistil-Finale, das es jemals gab bei deutschen Meisterschaften, den deutschen Rekord (54,29 Sekunden). Die Frauen-Freistil-Staffeln gehören zu den sichersten EM-Medaillenkandidaten. Nach fünf von sechs Wettkampftagen ist 25 Mal die EM-Norm unterboten worden.

Die Ausfälle sind kompensiert worden. Anne Poleska, die Olympia-Dritte über 200 Meter Brust, ist auf dieser Strecke desolat an ihren Konditionsmängeln gescheitert, Thomas Rupprath, vielfacher Europameister, hat erstmals seit 1998 bei deutschen Meisterschaften nicht gewonnen. Er habe die ungewohnte Dominanz seines Konkurrenten Meeuw nicht verkraftet, vermutet Madsen. „Das Problem liegt zwischen den Ohren.“ Weder Poleska noch Rupprath starten bei der EM.

Aber natürlich gab es auch die traditionellen Ausfälle. Auf den Brust- und Lagenstrecken der Männer zum Beispiel hängen die Deutschen seit Jahren hinterher. Doch das könnte sich bald ändern. „Helge Meeuw hat im jüngsten Trainingslager viel Brustschwimmen geübt“, sagt Manfred Thiesmann, der Bundestrainer. „Danach hat er sich entschlossen, sich in Berlin auch für die 400 Meter Lagen zu melden.“ Die finden heute statt. Aber der 21-Jährige warnt schon mal vor. „Ob ich wirklich starte, weiß ich noch nicht“, sagte er nach seinem Europarekord. „Leute, ich bin jetzt an der Grenze meiner Belastungsfähigkeit!“

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