Sport : Plötzlich ganz vorne

Münchens Defensivspezialist Javier Martinez verhilft Spanien auf ungewohnter Position zum Finaleinzug.

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Rammbock. Martinez (l.) hier gegen Italiens Abwehrspieler Chielini. Foto: AFP
Rammbock. Martinez (l.) hier gegen Italiens Abwehrspieler Chielini. Foto: AFPFoto: AFP

Fortaleza - Da staunte sogar Javier Martinez. Der spanische Mittelfeldstar des FC Bayern München wunderte sich kaum darüber, dass er in der 94. Minute des Confed-Cup-Halbfinalspiels gegen Italien eingewechselt wurde. Wohl aber, weil er erstmals als Mittelstürmer gefordert war. Fernando Torres, der diese Position seit Jahr und Tag verinnerlicht hat, verließ beim Stand von 0:0 das Feld, nachdem er sich in den Duellen mit der italienischen Abwehrdreierreihe aufgerieben hatte. Spaniens Trainer Vicente del Bosque setzte aber nicht auf die Stürmerkollegen Roberto Soldado oder David Villa, sondern auf den auf diesem Posten ungeübten Martinez.

„Er ist groß und kopfballstark“, erklärte del Bosque später seinen Wechselgedanken. Und da der laufstarke und robuste 24-Jährige aus der nordspanischen Provinz Navarra beim FC Bayern auch zu einem Meister des Pressings gereift ist, sollte er am Donnerstag die Italiener mit frühem Attackieren in deren Sechzehnmeterraum nerven.

Der 1,90 Meter lange Martinez erfüllte seinen Auftrag weisungsgemäß, wurde zu einem Stör- und Unruhefaktor und besaß sogar zwei Torgelegenheiten, mit denen er den Welt- und Europameister vor dem finalen Elfmeterschießen hätte bewahren können.

Um ein abgebrühter Angreifer zu sein, fehlte ihm dann doch ein wenig Spielpraxis, auch wenn Martinez später sagte: „Ich kann überall spielen.“ So glücklich wie am Donnerstag sah der zuverlässige Auf- und Abräumer in Diensten des FC Bayern bei dieser Confed-Cup-Ausgabe 2013 selten aus. Einerseits, weil er seinen Part des Nothelfers an vorderster Stelle überzeugend und mit Hingabe spielte, andererseits, weil ihm die größte Nervenprobe erspart blieb. Weil zunächst der Italiener Leonardo Bonucci den siebten Strafstoß für die Italiener nicht im Tor unterbringen konnte und danach der Sevillaner Jesús Navas den Treffer zum erlösenden 7:6-Erfolg für die Spanier schoss, brauchte der danach vorgesehene Martínez seine Vielseitigkeit nicht auch noch als Strafstoßschütze zu beweisen.

Der Tag war auch so anstrengend und kraftraubend genug. Am Ende des Duells mit dem Finalgegner der vergangenen EM wartet nun die Belohnung auf Spanien: Confed-Cup-Finale gegen Brasilien im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro. Am Sonntag erfüllt sich für Martinez ein „Kindheitstraum“ und weiterer Höhepunkt in einem Jahr des chronischen Erfolgs. „Ich kann gegen meine Münchner Kumpel Luiz Gustavo und Dante noch einen Titel holen“, sagte Martinez lächelnd, als wäre ihm das Triple nicht genug. Die Aussicht, damit auch die spanische Silberwaren-Kollektion zu vervollständigen, wird den seit historischen 29 Pflichtspielen ungeschlagenen Spaniern noch ein letztes Mal in dieser Saison motivieren.

„Wir sind alle sehr müde und brauchen jetzt Zeit zur Erholung“, sagte Kapitän und Torhüter Iker Casillas nach dem Kraftakt im Estadio Castelao. Die schwüle Hitze von Fortaleza, die den Spaniern schon am vergangenen Sonntag beim 3:0-Sieg über Nigeria zu schaffen gemacht hatte, saugte die Kraft aus den über das ganze Spieljahr dauerbeschäftigten Profis aus Barcelona und Madrid.

Finalgegner Brasilien mit seinem Jungstar Neymar hat es da besser. Der fünfmalige Weltmeister qualifizierte sich für den Showdown mit dem aktuellen Titelträger schon einen Tag früher – und das nach neunzig Minuten mit einem mühsamen 2:1-Erfolg über Uruguay. Die Spanier dagegen, daran gewöhnt, auch enge Spiele für sich zu entscheiden, dürfte der Mythos Maracana ein letztes Mal in dieser langen Saison beflügeln. Dann geht es endlich in den Urlaub – auch für Javi Martinez, der sich auf weitere spanische Lehrstunden und Überraschungsmomente freut: unter Pep Guardiola, dem neuen Cheftrainer des FC Bayern. Roland Zorn

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