Sport : Plötzlich im Rampenlicht

Hambüchens Verletzung erhöht bei der EM in Berlin Chancen und Druck für die deutschen Turner

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Hopp oder Top? Philipp Boy ist jetzt die große Nummer im deutschen Team. Bei der Generalprobe in Dessau patzte der 23-Jährige allerdings gleich an drei Geräten. Foto: dpa
Hopp oder Top? Philipp Boy ist jetzt die große Nummer im deutschen Team. Bei der Generalprobe in Dessau patzte der 23-Jährige...Foto: picture alliance / dpa

Berlin - Jaja, wie schön. Vögel zwitschern, zu einem großen See mit alten, mächtigen Bäumen am Ufer sind’s nur ein paar Meter, die Sportanlagen sind ausgezeichnet, die Ruhe ist wundervoll, eine Idylle also. Aber es ist halt immer noch Kienbaum, das Bundesleistungszentrum, abgeschieden in der brandenburgischen Provinz, todlangweilig, wenn man mehr als eine Woche dort bleiben muss. Genau deshalb hatte Andreas Hirsch dort im März einen netten Film vorführen lassen.

Im Publikum saßen die deutschen Nationalmannschaftsturner und verfolgten, wie sich die Kollegen aus den Staaten der osteuropäischen GUS damals, 1992, auf die Olympischen Spiele in Barcelona vorbereiteten. Vor allem aber wie ihre Trainingsbedingungen aussahen. Sehr ernüchternd. Für einen Moment war Kienbaum wirklich nur noch Idylle.

Kann ja nichts schaden, so eine Motivation vor dem Höhepunkt. Für Chef-Bundestrainer Hirsch steht schließlich einiges auf dem Spiel bei der Europameisterschaft in Berlin. Die beginnt heute in der Schmeling-Halle mit der Qualifikation der Frauen (10.30 Uhr), und im eigenen Land, da möchte man ja glänzen. Aber Hirsch ist erfahren genug, dass er die Erwartungen nicht noch anheizt. „Ich möchte keine Prognosen über unsere Erfolge abgeben“, sagt er. „Eine EM ist eine Hopp-oder-Top-Veranstaltung. Da darf man sich keine Schwächen erlauben.“ Sein Ziel ist es, erstmal so viele Turner wie möglich in die Finals zu bringen.

Für seine Athleten ist die EM im eigenen Land Ereignis und Belastung zugleich. ARD und ZDF berichten am Wochenende ausführlich, die EM ist also eine ideale Plattform für die Selbstdarstellung. Aber damit steigt auch der Druck. Nicht bloß sportlich, es geht auch noch um eine andere, quasi teaminterne Belastung. Der Star der Riege ist nur Zuschauer. Der dreimalige Europameister Fabian Hambüchen ist verletzt, er hat jahrelang die ganze mediale Aufmerksamkeit absorbiert. Hinter seinem breiten Rücken konnte man sich bei Misserfolgen verstecken. Seine Präsenz nervte einige seiner Kollegen allerdings auch, wenn die ganz gut geturnt hatten und dann kaum beachtet wurden. Und weil Matthias Fahrig auch ausfällt – er ist nicht fit –, haben nun die anderen die Chance, ins Rampenlicht zu kommen. Nur, wenn sie patzen, dann gelten sie als Loser, die dem Druck nicht standhalten.

Philipp Boy ist jetzt die große Nummer im deutschen Team. Boy, der Vize-Weltmeister im Mehrkampf. Und viele rechnen jetzt hoch: Bei der WM 2010 war nur ein Japaner vor ihm, der fehlt bei der EM, also muss doch jetzt eigentlich Gold herausspringen. Ein fataler Gedankengang. Boy ist kein Roboter, der auf Knopfdruck Medaillen produziert. „Die WM war im vergangenen Jahr, jetzt ist ein völlig neuer Wettkampf“, sagt der 23-Jährige. Sicher, er gehört zu den Medaillenkandidaten, aber bei der EM-Generalprobe patzte er gleich an drei Geräten. Dafür aber glänzte er dort auch am Reck mit 16,20 Punkten. „Er muss die Gedanken an den Vizeweltmeister abstreifen“, sagt Hirsch.

Die Chancen der anderen deutschen Turner sind schwer einzuschätzen. Marcel Nguyen hätte das Potenzial zu einem Medaillenkandidaten, zum Beispiel am Boden, aber nach seiner Wadenbeinverletzung ist er noch nicht in Bestform. Allerdings turnte er bei der EM-Generalprobe am Sprung ausgezeichnet. Sebastian Krimmer hinterließ an allen Geräten einen guten Eindruck, aber das muss für die EM, mit ihrer ganz anderen Atmosphäre, nicht viel bedeuten.

Bei den Frauen ist Chef-Bundestrainerin Ulla Koch erheblich bescheidener als ihr Kollege Hirsch. Sie muss eine neue Riege aufbauen, große Erwartungen hat sie deshalb nicht. Die größten Hoffnungen setzt sie wieder mal in Oksana Tschussowitina, die 36-jährige Olympiazweite von 2008 im Sprung. „Ich hoffe, dass sie im Sprung ins Finale kommt“, sagt Koch. Die Frauen im Übrigen waren schon in Berlin zum Trainieren, als die Männer noch in Kienbaum übten.

Und falls der Film über die GUS-Turner Marcel Nguyen noch nicht richtig überzeugt hatte, dann kann er seinen Trainer Valerie Belenki über die Feinheiten der damaligen Vorbereitungen befragen. Belenki war damals im GUS-Team. Und das gewann Olympiagold.

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