Sport : Pommes mit Pferd

Beim heute beginnenden CHIO in Aachen kommt der Reitsport fast schon zu kurz

Andreas Morbach

Aachen . Natürlich, auch sie sind in diesen Tagen wieder unterwegs im Aachener Stadtteil Soers: die Damen zwischen 30 und 70, in hellen, leichten Sommerkleidern, mit riesigen, weißen Hüten. Hinter ihren Männern im Fond sitzend, werden sie in dunklen Limousinen vorgefahren. Mit vorsichtigen Bewegungen treten sie in die pralle Sonne, flanieren vorbei an 110 000 Euro teuren Neuwagen, die ein deutscher Automobilhersteller auf hellem Kies präsentiert und verschwinden schließlich in irgendeinem Vip-Zelt. Es ist CHIO-Zeit in Aachen.

Frank Kempermann organisiert seit zehn Jahren als Geschäftsführer des Aachen-Laurensberger Rennvereins (ALRV) das „Weltfest des Pferdesports“, das CHIO. Am Dienstagabend ist offizielle Eröffnung, aber schon am „Soerser Sonntag“ erlebte die Anlage im Norden der Stadt den ersten Besucheransturm. Als einmaligen Termin hatte der Rennverein diesen Tag der offenen Tür 1998 eingeführt. Doch das drängende Volk hat das Vorspiel vor den eigentlichen Wettkämpfen längst zur festen Einrichtung gemacht. 36 500 Besucher waren es am Sonntag, von neuen Rekordzahlen ist schon wieder die Rede – und wie jedes Jahr staunt Frank Kempermann. „Egal, was wir machen, die Leute spazieren hier in Strömen", sagt der Niederländer. Und zwar Leute jeder Couleur. Kempermann beschreibt die Zielgruppen kulinarisch: „Bei uns kann man ein Vier-Gänge-Menü für 50 Euro bekommen oder Pommes auf die Hand.“

Er steht am Rande des Dressurstadions, wo gerade vor vollem Haus ein Gottesdienst zu Ende gegangen ist. Das markante, verschwitzte Gesicht glänzt rötlich, in der Jackentasche bimmelt unentwegt das Handy, zwischendurch kommt Pfarrer Toni Jansen vorbei. Der Gottesmann ist mittlerweile ganz begeistert von Kempermanns Idee, eine Messe im Freien und mit jeder Menge Pferde, Ponys und Ochsen zu feiern. Es war ein Ökumenischer Gottesdienst. „Unser Gesamtkonzept ist so, dass es für jeden passt“, sagt Kempermann.

Und weil sie so offen sein wollen, vollführen sie im Dreiländereck ihren Spagat zwischen Tradition und Moderne, zwischen Volksfest und Mercedes-Stern. Weil Aachen im vergangenen September zudem die Reit-Weltmeisterschaften 2006 zugesprochen bekam, wird der Spagat noch etwas schwieriger ausfallen. Die Eintrittspreise beim CHIO sind im Schnitt schon einmal um 25 Prozent gestiegen, liegen aber, wie der Geschäftsführer der Aachender Reitturnier GmBH, Michael Mronz, betont, in der Spanne zwischen sechs und 40 Euro noch immer „weit unter den üblichen Tarifen“.

Der Sport kommt beim CHIO fast schon zu kurz. Zwar stünden die Wettkämpfe der Spring- und Dressurreiter noch im Mittelpunkt, sagt Kempermann tapfer. Andererseits weiß er: „Zum Sport und dann nach Hause – diese Zeiten sind vorbei. Die Leute wollen unterhalten werden.“ Auf sportliche Unterhaltung durch Nadine Capellmann, Vorjahressiegerin in der Dressur, müssen die Besucher weitgehend verzichten. Der nationale Dressurausschuss strich die Lokalheldin aus der Nationenpreis-Equipe – weil ihr Pferd Gracioso mit 18 Jahren zu alt sei. „Das gefällt uns überhaupt nicht, und das versteht auch niemand hier“, sagt Kempermann. „Wir brauchen unsere Aachener Weltmeisterin in Aachen am Start.“ Capellmann wird beim CHIO nur in der kleinen Tour starten. Sie hat also viel Zeit. „Vielleicht“, sagt sie, „kann ich jetzt ja mal wieder beim Springen zuschauen.“

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