Sport : Popstar in Badelatschen

Tausende feiern Brasiliens Stars beim Training in Offenbach, und der lockere Ronaldinho erfüllt einem kleinen Jungen einen Traum

Christian Tretbar[Offenbach]

Der Popstar kam zum Schluss. Zuerst stieg Cafu aus dem Bus und betrat den Rasen des Bieberer Bergs in Offenbach. Es war ein Anblick, als landete ein Raumschiff dort, wo normalerweise mittelmäßiger Zweitliga-Fußball gespielt wird. Nur dass es keine kleinen grünen Männchen waren, die aus dem Bus stiegen, sondern die Fußballer von einem anderen Stern. Zumindest kann man auf diesen Gedanken kommen, wenn man die Euphorie sieht, die bei Auftritten dieser fußballspielenden Sambatänzer aus Brasilien herrscht. Nach nur einer Stunde waren in Offenbach alle 22 500 Tickets, die es zum Nulltarif gab, vergriffen. Ohne Probleme hätte aber auch die doppelte Zahl von Tickets verteilt werden können.

Mitten in der Nacht hatten sich tausende Menschen schon am Kassenhäuschen vor dem Bieberer Berg angestellt, um Karten für das einzige öffentliche Training des WM-Favoriten vor seinem Auftaktspiel am Dienstag im Berliner Olympiastadion gegen Kroatien (21 Uhr) zu ergattern. Die Glücklichen, die sich eine Karte hatten sichern können, bejubelten die Ankunft der „Selecao“, bei der Ronaldo wegen Fiebers fehlte. Gestern allerdings trainierte der Torjäger wieder. Nach Cafu stiegen Kaka, Lucio und all die anderen Stars in Offenbach aus dem Bus.

Beim letzten der brasilianischen Nationalspieler kannte der Jubel keine Grenzen mehr. Es kam vielleicht nicht der Leader dieser Pop-Band, aber doch ihr charismatischer Frontmann und virtuosester Spieler: Ronaldinho. Er versprühte jene Lockerheit, die er auch auf dem Platz lebt. Seinen kleinen Kulturbeutel hatte er unter den Arm geklemmt. Die schwarzen Locken waren von einem blauen Kopftuch verdeckt, und als Einziger aus dem Star-Ensemble trug er Badelatschen. So schlappte er in aller Ruhe über den extra verlegten neuen Rollrasen. Ein wenig schüchtern winkte er ins Publikum. Dann verschwanden erstmal alle im Kabinengang, um sich ihre Trainingskleidung überzuziehen.

Die erste Euphorie legte sich. Auch für Roland Nix Zeit, etwas durchzuatmen. Er trug wie viele andere ein gelbes Trikot. Mit Brasilien hatte das Textil aber nichts zu tun. Doch das aktuelle Auswärtstrikot von Hertha BSC Berlin eignet sich für so ein Event ganz hervorragend. „Ich habe mich extra um sechs Uhr morgens angestellt, um Karten zu bekommen“, sagt der Hertha-Fan. Aus Berlin reiste er zwar nicht an, aber 150 Kilometer Anfahrtsweg von seinem Heimatort hatte er doch.

Nix’ Sohn Maximilian war begeistert vom Auftritt der Brasilianer. Die kamen gut zwanzig Minuten später wieder aus der Kabine und lieferten ihre kleine Show ab. Von ernsthaftem Training konnte keine Rede sein. Zum Aufwärmen versammelten sich alle im Kreis und schoben sich elegant die Bälle zu. Dabei klatschten sie rhythmisch in die Hände und gaben so dem Publikum den Takt vor. Deshalb wären eigentlich die Animationsrufe des Offenbacher Stadionsprechers und die dröhnende Samba-Musik vom Band gar nicht nötig gewesen. Brasilianer brauchen keine Animation.

Aber den meisten Zuschauern war das egal. Viele hatten sowieso andere Dinge im Kopf. Wie beispielsweise die 24-jährige Kristina Enderle. Sie hatte ein Pappschild mit einem großen Loch in der Mitte gebastelt. Das Ganze sollte einen Fernseher darstellen. Auf dem Schild stand auch noch: „Thiago, tô na globo“. Damit wollte sie ihren Freund Thiago in Brasilien grüßen.

Ob die brasilianische TV-Anstalt Globo ihr den Gefallen tat und sie filmte, bleibt fraglich. Zumal es auf dem Rasen genug zu filmen gab. Brasiliens Trainer Carlos Alberto Parreira ließ seine Stars gewähren. Er verteilte ein paar Leibchen und ließ zunächst die A-Elf gegen die B-Elf spielen. Richtig motiviert war nur die B-Elf. Anschließend mischte er alle noch einmal durch. Die Aufmerksamkeit im Publikum galt aber nicht nur dem Spiel. Auch die Waden von Roberto Carlos erregten Aufmerksamkeit. So etwas muskelbepacktes hatten viele noch nicht live erlebt. Ähnliche Begeisterung löste die bullige Statur von Adriano aus. „Das kann man im Fernsehen gar nicht so nachvollziehen“, sagten viele Zuschauer immer wieder.

Die größte Begeisterung kam aber mal wieder bei Ronaldinho auf. Vor allem als er locker blieb, während die Inszenierung unplanmäßig gestört wurde. Ein kleiner Junge mit Ronaldinho-Trikot rannte an den Sicherheitskräften vorbei auf das Spielfeld und wollte unbedingt seinen Helden berühren. Die Ordner zerrten an dem kreischenden Steppke, als wäre der ein Schwerverbrecher. Ronaldinho beruhigte alle und gab dem Kleinen sein Autogramm. Der Junge ließ sich dann gebührend feiern. Kurz darauf war alles vorbei. Ronaldinho und seine Kollegen winkten noch mal kurz. Aber keine Autogramme und keine Ehrenrunde. Ein kurzer Gruß, das musste reichen.

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