• Populistische Debatte: Trotz Finanzkrise: Noch ist Englands Fußball nicht verloren

Populistische Debatte : Trotz Finanzkrise: Noch ist Englands Fußball nicht verloren

Viel ist vom Kollaps der englischen Fußball-Klubs wegen der Finanzkrise die Rede. In Wahrheit aber muss man etwas genauer hinschauen.

Raphael Honigstein[London]

Es sind schwere Zeiten, selbst für Wettanbieter: kaum jemand will auf den Ausgang von England gegen Kasachstan tippen. Das WM-Qualifikationsspiel interessiert angesichts der immer stärker auf den englischen Fußball niederschlagenden Finanzkrise beinahe niemanden. Um die Leute doch noch irgendwie an die Wettscheine zu locken, setzen die Buchmacher nun auf die Strahlkraft des berühmtesten aller Kasachen: man kann darauf wetten, in welcher Minute der TV-Kommentator zuerst einen Spruch der Filmfigur „Borat“ zitieren wird.

Wenn man nichts zu lachen hat, hilft nur noch Humor. Denn die schlechten Nachrichten reißen im Moment einfach nicht ab. Mike Ashley, der finanziell überforderte Besitzer von Newcastle United, findet weiterhin keine Käufer. Der FC Liverpool hat den schon seit Jahren geplanten, 440 Millionen Euro teuren Stadionneubau für unbestimmte Zeit vertagt; „zu riskant und schwierig“ sei dieses Unternehmen im derzeitigen Klima, befindet Geschäftsführer Rick Parry. Und West Hams isländischer Eigentür Bjorgolfur Gudmundsson hat nach der Verstaatlichung der von ihm geführten Landsbanki 300 Millionen Euro verloren. „Wir werden wahrscheinlich kein Geld für neue Spieler im Januar zur Verfügung haben“, sagte West-Ham-Vize Asgeir Fridgeirsson.

Eine Menge Populismus - und ein wenig Schadenfreude

Lord Triesman, der Vorstandsvorsitzende des Fußballverbands (FA), bezifferte die Verbindlichkeiten des englischen Fußballs auf 3,7 Milliarden Euro, warnte vor der Gefahr eines Zusammenbruchs und regte eine Gehaltsobergrenze an. UEFA-Präsidentt Michel Platini denkt laut darüber nach, verschuldete Vereine von internationalen Wettbewerben auszuschließen. In den dirigistischen Vorschlägen schwingt eine Menge Populismus und nicht wenig Schadenfreude mit.

Besonders im Ausland ergötzt man sich an der Krise der Fußballhegemonialmacht; schlagzeilenträchtig wird bereits der völlige Kollaps der von den bösen ausländischen Investoren in den Ruin getriebenen Premier League prognostiziert. Dabei wird vieles in einen Topf geworfen und übersehen, dass hinter dem Alarmismus politische Macht- und Verteilungskämpfe stecken: Triesman, ein Labour-Politiker und ehemaliges Mitglied der Kommunistischen Partei, will die Unabhängigkeit der Liga vom Verband abschaffen, Platini schürt demagogisch Überfremdungsängste („Ein Scheich als Präsident und elf Afrikaner auf dem Platz, wo ist da noch Liverpool?“), um mit Hilfe von europäischen Gesetzesmachern das neoliberale Spiel der Kräfte zu beschneiden und die Kontrolle über europäische Spitzenvereine zurück zu gelangen.

Ganz so dramatisch ist die Lage der Premier League nicht

Ganz so dramatisch wie von Triesman dargestellt, ist die Lage der Premier League nämlich nicht. „Unsere Verbindlichkeiten belaufen sich derzeit auf 3,1 Milliarden Euro“, konkretisierte Liga-Chef Richard Scudamore, „aber das entspricht ja in etwa unserem jährlichen Umsatz. Ich denke, dass die Eigentümer die Risiken realistisch einschätzen“. Die FA kenne sich mit der Thematik gut aus, fügte Scudamore spitzzüngig hinzu, „die haben (nach dem Bau des Wembley-Stadions) 437 Millionen Euro Schulden, bei 375 Millionen Euro Umsatz“. Folgt man Platinis Logik, müsste Englands Nationalelf ebenfalls von internationalen Turnieren ausgeschlossen werden.

In Wahrheit muss man aber eben doch etwas genauer hinschauen. Der FC Arsenal hat durch den Bau des Emirates-Stadions zwar knapp 400 Millionen Euro Verbindlichkeiten, jedoch im abgelaufenen Geschäftsjahr 280 Millionen Euro Umsatz und dabei 46 Millionen Euro Gewinn gemacht. Manchester United ist trotz Schulden von 765 Millionen Euro noch profitabel.

FC Chelsea: Riesige Verluste - aber keine Schulden bei den Banken

Und der FC Chelsea, Michael Ballacks Verein? Hat als Steckenpferd des Eigentümers Roman Abramowitsch in den vergangenen fünf Jahren Verluste von 780 Millionen Euro angehäuft, schuldet aber den Banken keinen einzigen Cent: Abramowitsch hat dem Klub zinsfreie Darlehen gewähnt, die (bisher) nicht zurückgezahlt werden müssen.

Natürlich wird die Rezession die Liga treffen; den schwächeren Vereinen drohen Liquiditätsprobleme wie nach dem Zusammenbruch der „New Economy“-Blase vor sechs Jahren, als unter anderem die – damals allesamt von Engländern geführten – Vereine West Ham, Leeds United und Chelsea zahlungsunfähig wurden.

Die Überlebensstrategie entscheidet

Konjunkturabhängigkeit ist im Profifußball systemimmanent. Ob eine Liga leidet, weil Fernsehsendern und Sponsoren das Geld ausgeht oder weil der Mäzen gerade einen Großteil seines Vermögens im Börsencrash verloren hat, ist letztlich genauso unerheblich wie die Staatsbürgerschaft der Eigner.

Entscheidend ist die Qualität der Überlebensstrategien. Und da macht der englischen Liga so schnell niemand etwas vor. Am Freitag überraschte Scudamore mit der guten Nachricht, dass der asiatische Verbandschef Mohamed bin Hammam der Austragung von Premier-League-Spielen auf seinem Kontinent nun doch zustimmt „Wir wollen von der Erfahrung der Liga lernen“, sagte Hammam in London, „und das Geheimnis ihres Erfolges erfahren.“ Der Ball wird sich weiter drehen, wenn auch eine Spur weniger rasant.

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