Porträt : "Das Gewehr sieht für mich"

Mit 17 Jahren wurde Lutz Zangenbergs Leben durch einen Unfall von Grund auf verändert. Heute belegen 82 Pokale und 16 Berliner Landesmeistertitel das Können des blinden und Sportlers.

Elisa Kremerskothen

Schon wieder ein Treffer ins Weiße. Sogenannte 9er oder 10er sind Routine für Lutz Zangenberg. Sein Gewehr hält er tief in die Schulter gepresst, die Fingerkuppe soll nur zu einem Drittel den Abzug berühren. Auf dem Kopf trägt er Kopfhörer, die ständig ein schrilles Piepen von sich geben- um so näher an den innersten Ring der Zielscheibe desto höher und unangenehmer. Geschossen wird mit sogenannten Diabolis und einem knapp 6 Kilo schweren mit hellem Holz verkleideten Gewehr. Damit das Gewehr für Lutz „sehen“ kann, besitzt es eine Optronik, die den hellsten Punkt auf der Scheibe erkennen kann und einen Ton auf den Kopfhörer überträgt. Für Lutz bedeutet dieser Ton visuelle Orientierung in einem Leben, in dem er sonst nur Tasten, Fühlen, Riechen und Schmecken kann.

Der 47-jährige ist blind und sitzt im Rollstuhl. Mit 17 Jahren wurde sein Leben von Grund auf verändert. Lutz war mit seinem Moped auf dem Weg zur Arbeit als es passierte. Durch den Unfall verlor er sein Augenlicht. Nachdem der Notarzt ihn vor dem Ersticken bewahrte, diagnostizierten die Ärzte im Krankenhaus einen Schädelbasisbruch. Während der Operation fiel Lutz Zangenberg ins Koma. Es sah nicht gut für ihn aus, dennoch waren seine Eltern immer für ihn da und opferten hilfsbereit ihre ganze Kraft um Lutz zu helfen. Lutz‘ Vater erzählt wie er eines Tages am Bette seinen Sohn ermahnte: „Lutz, mach keen Scheiß, wenn ick morgen wiederkomme, will ick ‘n Grinsen sehen, Junge!“ Am nächsten Tag wusste keiner, warum Lutz, der schon monatelang im Koma lag, einen Hauch von einem Lächeln auf seinen Lippen hatte. Lutz lag fast ein ganzes Jahr im Koma, bis er endlich aufwachte. Das lange Warten hatte sich gelohnt. Dennoch blieb der „einjährige Schlaf“ nicht ohne Folgen. Durch die fehlende Bewegung seiner Gelenke während des Komas, leidet Lutz bis heute an Pflegeschäden und muss im Rollstuhl sitzen. Er konnte nicht mehr laufen, essen oder sprechen. Alles musste neu erlernt werden. Die Zeit nach dem Koma war wohl eine der härtesten für Lutz und seine Familie. Er war schwach, hatte große Schmerzen und musste jeden Tag 53 verschiedene „bunte Smarties“ schlucken. Zu dieser Zeit schwebte Lutz immer noch zwischen Leben und Tod. Glücklicherweise ging es ihm allmählich besser, er konnte sogar eine Behindertenschule besuchen und den Realschulabschluss nachholen.

Die Musik machte ihn glücklich

Seine wahre Rückkehr ins Leben erlebte Lutz, als er mit seiner Mutter eine Musiksendung im ZDF verfolgte. Die Musik machte ihn glücklich, er wollte sich gleitend und rhythmisch zu den, für seine Ohren so lieblichen Tönen, bewegen. So fasste er den Entschluss, Rollstuhltanzen zu erlernen. Der Verband, den sie wegen des Tanzens kontaktierten, erklärte: „Nein, für Blinde gibt es so etwas nicht.“ Man könne ihnen jedoch einen Blindschützenverein empfehlen.

Lutz gefiel das Schießen so sehr, dass er im 1. Blinden Schützen Verein, der 1979 in Berlin-Spandau gegründet wurde, bleiben wollte. „Een Glück, denn so konnte ick das Konzentrieren wieder lernen.“ Anfangs strengte ihn das Schießen noch so sehr an, dass er nach 5 Schuss schon „fix und fertig und kreidebleich“ war. Mit Hilfe seines Vaters schaffte es Lutz, die verschieden hohen Töne differenzieren zu können und erlangte ein immer besseres Gefühl für das Schießen und die Ruhe, die im Umgang mit der Waffe so notwendig ist. Er reiste zu verschiedenen Wettkämpfen in Brandenburg oder West-Deutschland. Im Verein war er schon lange der beste Schütze. In der Regel trafen 39 von 40 Schüssen das Schwarze- in dem Fall von Lutz das Weiße.

82 Pokale und 16 Berliner Landesmeistertitel

Heute zieren 82 Pokale und 16 Berliner Landesmeistertitel das Können des blinden Sportlers. Lutz trainiert jedoch nicht mehr so häufig wie früher. „Ick hab doch keenen Gegner.“- das ist das große Problem. Von ehemals 30 Mitgliedern des Vereins blieben immer weniger übrig. Der Verein musste sich auflösen und Lutz dem Nachbarverein beitreten. Für Lutz ein schwerer Schlag, der Verein bedeutete so etwas wie eine Familie für ihn, ein Weg am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.  Des Weiteren fährt Lutz  nicht mehr so oft zu Wettkämpfen, es ist ein finanziell aufwendiger Sport. Es gibt keine staatliche Förderung und alleine kann die Familie die Kosten, die bei einem Wettkampf-Wochenende entstehen, nicht tragen. Momentan ist er der einzige Blindenschütze in Berlin. „Dit macht ja auch keinen Spaß, wenn man niemanden zum Schießen und keine Konkurrenz hat und deshalb hab ick auch bald keene Lust mehr, wenn ick nur alleine hier bin und Löcher in die Scheiben schieße.“, antwortet Lutz auf die Frage, ob er noch lange Schießsport betreiben möchte. Und neue Gegner wird es wohl auch nicht so schnell geben: „ Dit dauert dann bestimmt fünf Jahre bis der Nachwuchs auf dem Stand ist wie ick.“

Lutz weiß, wie er andere zum Schmunzeln bringen kann. Er beeindruckt seine Mitmenschen mit einer unglaublichen Gelassenheit, seiner Geschichte und seiner enormen Willensstärke. Früher wollte er mit seinem Vater zusammen eine Tankstelle eröffnen, heute repariert er in einer Behindertenwerkstatt Fahrräder. Er ist in der Lage Dinge zu tun, die kein Mediziner vor 30 Jahren jemals auch nur in Erwägung gezogen hätte, ist in der Lage ein fast normales Leben zu führen. Einen Alltag wie jeder andere hat er schon: „Aufstehen, Arbeiten, nach Hause, Fernsehen hören, am liebsten Wer wird Millionär und dann ins Bett.“ Doch das alles wäre niemals möglich gewesen ohne die Unterstützung seiner Eltern. Die bedeuten für Lutz eine Stütze in dem teilweise doch anstrengenden und aufwendigen Leben. Als er in den Blinden Schützen Verein eintrat, taten sie es ihm gleich. Die Familie hielt zusammen und nur so war es möglich Lutz die Kraft zu geben, um noch einmal ganz von vorne anzufangen.  Lutz‘ Lieblingslied ist übrigens „Born to be alive“ von Patrick Hernandez- Geboren um zu leben.

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