Porträt : Der falsche Sprung ins richtige Leben

Raphael Menke über seinen Patenonkel, dessen Leben sich nach einem Badeunfall von einem Tag auf den anderen komplett veränderte.

Raphael Menke

Violett blüht der Lavendel im Vorgarten des Hauses Nr. 4 Rue du Clos, in Pignan, einem kleinen Dorf vor Montpellier. Es ist Samstagmorgen, die Tür wird aufgestoßen und zwei kleine Jungen stürzen in den Garten, gefolgt von ihren Eltern. Der Vater kommt als letzter. Er geht nicht, er fällt von Schritt zu Schritt und die Söhne wissen längst, dass sie, auch wenn sie müde sind, auch von ihm nicht getragen werden können. Das zusätzliche Gewicht würde ihn aus dem fragilen Gleichgewicht bringen.

Auch der 12. August 1995 war ein Samstag. 9 Uhr 30: Frühstück in Portugal an der Algarve, Urlaub mit den Großeltern, die dort ein Häuschen haben, mit den Eltern und den beiden Brüdern. Man lacht und erzählt, reicht sich Marmelade und Weißbrot. Die Strandtaschen sind gepackt. Für Sebastian, 18 Jahre, das Abitur vor zwei Wochen bestanden, ist das Leben leicht und blau wie der wolkenlose Himmel über Portugal.

Zum Strand, an dem morgens noch nicht so viele Menschen sind, die Badetaschen hingeworfen, die letzten Meter gerannt: Der Letzte im Wasser ist ein Weichei. Das Meer ist bewegter als sonst. Die Welle vorn wird von Sebastian im Kopfsprung genommen: " … beim Eintauchen bin ich voll mit dem Kopf und Schultern auf den Boden geprallt. Ich bin bei Bewusstsein geblieben, aber ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ich wusste selber sofort, dass ich gelähmt war. Ich musste Luft holen, da ich immer noch mit dem Kopf im Wasser war. Mir kam es vor wie eine Ewigkeit, ich suchte Hilfe, da ich mich nicht mehr bewegen konnte und keine Luft bekam. Da sah ich auf einmal eine Hand. Das Einzige, was ich machen konnte, war: hineinbeißen, da ich unter Wasser nichts anderes machen konnte. Das war aber leider sinnlos, denn es ist meine eigene Hand gewesen."

Dann endlich setzt der Atemreflex wieder ein, als der Kopf von der nächsten Welle ein wenig aus dem Wasser gehoben wird. Er fühlt, wie sein Körper vorsichtig aus dem Wasser gehoben wird, aber er spürt die Hand nicht. Es ist sein jüngerer Bruder, der ihn vorsichtig aus dem Wasser zieht. Am Strand wurde der Verletzte vorsichtig gebettet, ein zufällig anwesender Neurologe leistete wertvolle erste Hilfe. In Faro dann die Diagnose: "inkomplette Querschnittlähmung ab dem fünften Halswirbel."

Rund 360.000 Querschnittsgelähmte in Europa

In Europa leben schätzungsweise 360.000 Querschnittsgelähmte, und in jedem Jahr erhöht sich die Zahl um weitere 8.000. Die meisten Fälle sind Unfallopfer, mehr als zwei Drittel sind Männer, die Mehrheit keine 30 Jahre alt.

Der fünfte Nackenwirbel ist gebrochen, ein Knochenstück, das der Hüfte entnommen wird, ersetzt den kaputten Wirbel, eine zusätzliche Metallplatte soll die unverletzten Wirbel stabilisieren.

Nur den Kopf konnte er bewegen, nur seine Gedanken waren noch so beweglich wie zuvor. Nachts, wenn er nicht schlafen kann, denkt er an die Hockeyturniere, die er gespielt hat, die Universität in Antwerpen, die er besuchen wollte, an die Freunde, die tagsüber oft so hilflos an seinem Bett stehen, an seine Familie, die der Kummer zerfrisst. Denken und Lesen, das Einzige, was ihm jetzt bleibt. Die Tage sind unterbrochen von den zahlreichen Anwendungen und Untersuchungen. Dazwischen verschlingt er Bücher, er der früher nie gelesen hätte.

"Ich konnte nicht glauben, dass ich gelähmt bleiben würde, ich wollte es einfach nicht glauben." Also hat er gekämpft, sich über jedes Zittern in den Knien gefreut, weil es zeigte, dass noch Nervenstränge aktiv waren. Dann der erste Blick in den Spiegel nach Wochen im Bett. Der Schock, er erkennt diesen dünnen Körper nicht mehr. Im Oktober beginnt die Reha-Behandlung in seiner Heimatstadt Antwerpen. "Ich konnte mich in meinem Rollstuhl bewegen und sollte wieder laufen lernen; erst im Schwimmbad, dann zwischen Barren und danach mit einem Rollator, den ich bisher nur von den ganz alten Leuten auf der Straße kannte."

Unfall ist ein Tabu-Thema

Die meisten Freunde und die Familie wollten ihm Hoffnung machen, aber oft endeten dies in Hilflosigkeit an seinem Bett in der Reha-Klinik. Aber ein paar Freunde hatten Humor. Vor der ersten Behandlung im Wasser fragten sie ihn, ob er jetzt auch wieder eintauchen wollte. Die Reha- Zeit empfand er im Nachhinein als die Schwerste. Jetzt wurde ihm klar, was er alles nicht mehr konnte, kein Hockey, kein Radfahren, kein Segeln, kein Skifahren, nicht einmal laufen. In der Familie wurde über den 12. August nicht gesprochen. Er war tabu. Ein Tabu, das 14 Jahre nicht gebrochen wurde.

Sebastian hat mit langem Atem viel erreicht: Er hat den Rollstuhl hinter sich gelassen, hat Bewegungswissenschaften studiert und seine Examensarbeit über Querschnittslähmungen geschrieben, er hat geheiratet, ist stolzer Vater, segelt mit einem Freund in einem Zweimannboot und fährt Liegefahrrad. Beruflich evaluiert er medizinische Großversuche. Aber er hat sehr lange gebraucht das Puzzle seines Lebens neu zu ordnen. Sein Leben ist ein anderes geworden, als er sich das mit 18 vorgestellt hat. Aber es ist ein gutes Leben, eines, zu dem er stehen kann.

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