Porträt : Der Sledge Hammer

Als er vier Jahre alt war, wurden seine Beine amputiert. Da lebte er noch in Tschernobyl, Ukraine. Wie aus Alexi Salamone trotzdem die US-Medaillenhoffnung für das Schlittenhockey-Finale der Paralympics wurde.

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Zwei Kufen, zwei Schläger. Alexi Salamone, 22, Strahlenopfer, Werbeträger, Berufssportler. -Foto: Thilo Rückeis

Wenn dir im Leben etwas Schlimmes passiert, hat mal ein deutscher Sledgehockeyspieler gesagt, hast du zwei Möglichkeiten. Dich aufhängen. Oder loslegen. Den Jungs unten auf dem Eis in der UBC Thunderbird Arena in Vancouver ist allen etwas Schlimmes passiert. Sie wurden im Straßenverkehr angefahren, von Zügen erfasst, im Kriegseinsatz angeschossen, sie hatten Motorradunfälle, leiden an Erbkrankheiten, und einer, ihr Star, kam nahe Tschernobyl, Ukraine, zur Welt, 14 Monate nachdem es in Block 4 des dortigen Kernreaktors eine Explosion gegeben hatte, die zig- oder hunderttausende Menschen verstrahlte, unter denen auch: seine Mutter.

Alexi Salamone, der da noch nicht so hieß, der Star der US-Mannschaft, die am Samstag bei den Paralympics um Gold kämpfen wird, hatte von Geburt an missgebildete Extremitäten. Als er vier Jahre alt war, wurden ihm beide Beine oberhalb des Kniegelenks amputiert. Danach kam er nach Moskau in ein Kinderheim. Es hätte schlimm weitergehen können. Unten auf dem Eis läuft gerade noch das Halbfinalspiel, es ist Donnerstag: USA gegen Norwegen. Sledgehockey ist Eishockey für Rollstuhlfahrer, es ist die Königsdisziplin der Olympischen Spiele für Athleten mit Handicap in Kanada. In dem Land, das Hockey lebt und atmet.

Alexi Salamone ist bekannt dafür, dass er besonders wendig ist

Wenn Alexi Salamone in seinem wackeligen Schlitten sitzt mit den schmalen Kufen darunter, kann er noch nicht mal über die Bande am Rand des Eises blicken. Wie kleine Kinder wirken die abgepolsterten Kerle da unten auf dem Eis. Solange bis sie losgelassen werden, dann explodieren sie förmlich, und der Adrenalinpegel steigt. Alexi Salamone ist kaum höher als breit. Und er ist einer der besten Schlittenhockeyspieler der Welt. Bei dem Spiel sind die Spieler auf ihrem Aluminiumschlitten, der aus Doppelkufen und einer Plastiksitzschale besteht, festgeschnallt. Mit zwei gekürzten Schlägern, die am Ende spitze Dornen haben, schieben sie sich übers Eis. Wieselflink. Alexi Salamone ist bekannt dafür, dass er besonders wendig ist. Hüftschwung links, Hüftschwung rechts, dann den Puck mit dem Schläger aufs gegnerische Tor zielen.

„Alexi ist cool, der kann mit beiden Armen gleich gut abspielen“, sagt Mannschaftskamerad Andy Yohe. Und er ist einer, der offensiv rangeht. Bodychecks krachen: Penalty, Strafzeit, runter vom Eis, aber schnell. Salamone geht leicht verletzt in diese paralympischen Spiele, Rückenprobleme unter anderem. Darüber lächelt er nur. „Al wollte schon als Kind alles machen, alles erleben.“ Sagt Susan Salamone, 55, lächelt und hält dann wieder die geballten Fäuste vor den Mund. „Ich bete zu Gott, er möge gewinnen.“ An ihrer silbernen Kette hängt die Zahl 21, die Spielernummer von Alexi. „Los, Al, komm!“ ruft sie. „Unser Kind ist erfolgreich“, sagt Joseph Salamone, „aber noch wichtiger ist, dass er ein gutes Herz hat.“ „Wir sind gesegnet mit unserem Sohn“, sagt die Mutter. „Ich genieße es so sehr, ihn um mich zu haben.“ Er ist ihr Adoptivkind.

Susan Salamone aus dem kleinen Örtchen Tonawanda im Bundesstaat New York hat früher als Assistenzmanagerin in einem lokalen Fernsehstudio gearbeitet. Einer ihrer Kollegen, ein Studioingenieur, war damals nach Moskau gefahren, er wollte ein Kind adoptieren. Als er zurückkam, erzählte er seiner Kollegin von dem kleinen Jungen mit den verkrüppelten Beinen, der hatte sich im Heim mit einem anderen Mädchen mit merkwürdig geballten Fäusten und einem fehlenden Fuß zusammengeschlossen. Susan Salamone hat mit ihrem Mann geredet. Sie hätten auch gesunde Kinder adoptieren können. „Mein Herz hat mir aber gesagt, das sind meine Kinder.“ Sie holte Alexi, da war er sechs, und auch das Mädchen aus dem Heim in Moskau ab. Es ging also nicht schlimm weiter für den kleinen beinamputierten Ukrainer Alexi. „Ich liebe meine Eltern unendlich. Sie sind meine Helden“, sagt er heute.

„Ich liebe meine Eltern unendlich. Sie sind meine Helden“

Die Strafzeit ist abgelaufen, Alexi Salamone kurbelt sich wieder voran, weiter geht es: Die Kufen schlitzen sich ins Gefrorene. Puck abfangen, dichter ans Tor heranzirkeln, abspielen. Punkt! Auf dem Eis geht es hart zur Sache, wie beim Autoscooter krachen die Spieler aneinander. Die Regeln sind vom Eishockey übernommen, gespielt wird Sledgehockey seit den 1970er Jahren, damals entwickelt in Schweden. Seit 1994 ist es paralympische Disziplin. Vor dem Halbfinalspiel standen nicht behinderte Jugendliche Schlange vor Testschlitten, um es selbst auszuprobieren: Be a Paralympian! Jubel! Oben an der Anzeigetafel über der Eishalle steht jetzt: „Tor vorbereitet von Alexi Salamone“. Die Halle kocht. „Just dance“, rummst es aus den Lautsprechern. Lady Gaga.

„Der Spaß ist größer als der Schmerz“, sagt der Nachwuchsspieler Bryan auf den Rollstuhlfahrer-Stellplätzen hinter der Plastikschutzscheibe vor den Zuschauerrängen. „Und man ist ein Team. Wir alle gehören zusammen. Das muss großartig sein, hier zu spielen“, sagt Jugendspieler Pelletier und blickt aufs Eis. Was der Sport für die jungen Männer bedeutet? „Freiheit“, antwortet ein Vater am Eisrand. Die Männer da unten haben vielleicht ein Bein oder zwei Beine weniger als die anderen, die Nichtbehinderten, oder sie sind vom Hintern abwärts körperlich gar nicht mehr existent. Und doch stehen sie fest im Leben. „Die Jungs haben fast alle eine Freundin, eine Frau, Familie, Kinder“, sagt der Pressechef des US-Sledgehockeyteams, Alex Clark. „Da überstrahlt die Persönlichkeit alles andere. Die haben Charme, nicht Scham – und jede Menge Charisma.“

Alexi Salamone hat Prothesen. Die ersten mussten die Eltern mit einer Art Hosenträger befestigen. Das war lästig auf der Toilette. Anziehen, ausziehen, anziehen. Aber er hat sich dran gewöhnt, sich durchgebissen, er mag keine Rollstühle. „Richtig schlimm fand er aber etwas ganz anderes“, sagt seine Mutter. Richtig schlimm fand er: zu Hause sitzen, lernen, nichts unternehmen.

Applaus, Getöse, La Ola, die Halle bebt. Drei zu Null schon führen die USA gegen Norwegen

Als ihr Sohn den Sport Wrestling für sich entdeckte, da war an Schule nicht mehr zu denken. Lieber legte er seine Gegner um. Die alle Beine haben. „Aber ich kam an die Kniekehlen ran, der bessere Winkel“, grinst Salamone nach dem Spiel verschwitzt. Zehn Jahre schon spielt er Sledgehockey. Bankdrücken, Fitnessstudio, Techniktraining, Taktikschulung. Auf Facebook kann man in einem Video sehen, woher die Muskelpakete kommen. Auch den Eissport hat er mit den Prothesen angefangen. Er hat mit den beiden Knie- und Unterschenkelprothesen Schlittschuhlaufen gelernt und sich irgendwann probeweise in den Schlitten gesetzt. Mit den künstlichen Beinen, auch aus Eitelkeit. Ganz wollte er sein. Aber nicht ganz war er leichter. Ein Wettbewerbsvorteil! „Der Winkel war von unten auch viel praktischer, weil ich den Schlitten schneller drehen kann.“ In Turin 2006 war Alexi Salamone das erste Mal bei den Paralympics dabei, da holten die USA Bronze.

Auf Prothesen hat er auch seine Freundin erobert. Das war, als sie gemeinsam als Tellerwäscher in einem Restaurant arbeiteten. Katelin Gagliardo auf der Zuschauertribüne im US-Fanblock muss anschreien gegen das Fußgetrampel, die Kuhglocken, die Schreie, alle sind hier geschmückt, tragen die Shirts ihrer Mannschaft, wedeln mit Flaggen. „Alexi und ich haben immer in unterschiedlichen Schichten gearbeitet, aber uns trotzdem gut verstanden.“ Einmal hat sie, als er dabeistand, scherzhaft ihrer Tante erzählt, dass sie ihre Beine ein paar Tage lang nicht rasiert habe und dass die deswegen ganz stachelig seien. „Da hat Alexi gesagt, wetten, meine Beine sind viel glatter als deine!“ Sie hat gelacht und gedacht, der spinnt. Der junge Kollege mit dem jungenhaften Grinsen hat ihr dann seine Prothesen gezeigt. Und, war sie geschockt? „Nein. Ich habe mich verliebt.“

Der Sport hat es ihm möglich gemacht, die Behinderung zu überwinden

Der Torwart der amerikanischen Nationalmannschaft machte irgendwann die Marketingexperten des Kreditkartenriesen Visa auf den jungen Mann und seine Lebensgeschichte aufmerksam. Seitdem schafft es der New Yorker zeitlich nicht mehr, seine Ingenieursschule zu beenden. Er lebt heute vom Sport.

„Gucken Sie, da ist mein Freund“, sagt Katelin Gagliardo am Merchandisingstand in der Sportarena. Sie meint das Gesicht auf den blauen Visa-Plakaten in der Paralympics-Eishalle. Sie zeigt auf den Sportstar auf den Pins, die so viele der Volunteers und Zuschauer hier an Shirts und Akkreditierungspass gesteckt haben. Im Internet gibt es ein Werbevideo mit Salamone. Leistungssportler, Athlet, Testimonial. Der 22-Jährige bekommt inzwischen Unterstützung vom US-amerikanischen Paralympics-Komitee und von der Eishockeyliga der Nichtbehinderten. Die organisiert Spiele der Athleten, egal ob mit oder ohne Behinderung. 15 Sledgehockeyspieler sind im US-Team, ihre neuen Paralympics-Sitzschlitten waren 30.000 US-Dollar teuer. Auch die gemeinsame Wohnung von Alexi Salamone und seiner Freundin hat einiges gekostet. Sie ist behindertengerecht.

Der Sport hat es ihm möglich gemacht, die Behinderung zu überwinden. Er sagt von sich, dass es wenig gebe, was er nicht könne. „Wenn ich was nicht kann, finde ich einen Weg, es zu können.“ Nur eins versagt er sich. Alexi Salamone geht nie an den Strand. Dann geraten Steinchen in sein Bein, das aussieht wie ein echtes.

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