Porträt : Die rasende Mama

Katharina Gutensohn nimmt mit 43 Jahren zum vierten Mal an Olympischen Spielen teil – diesmal allerdings für Österreich und nicht mehr als Alpinfahrerin.

Jörg Köhle
Vancouver 2010 - Katharina Gutensohn
Es war einmal. Katharina Gutensohn als Abfahrerin für das deutsche Alpin-Team. -Foto: dpa

Was macht eine moderne Mutter von drei Kindern in ihrer spärlichen Freizeit? Klar, sie jagt mit dem Mountainbike durch Berge, klettert mit dem Trial-Motorrad über Treppen oder springt über Schanzen – und im Winter fährt sie eben Skicross. Jedenfalls macht es Katharina Gutensohn so, während eine der Omas auf ihre Kinder Luca, Lola und Lino aufpasst. Dabei könnte sie im Weltcup auch die Mutter ihrer Konkurrentinnen sein. "Ist mir wurscht, da zählt nur die Leistung", sagt der jung gebliebene Sportjunkie aus Kirchberg in Tirol.

Sie sieht immer noch so drahtig und durchtrainiert aus wie früher, als sie für den Deutschen Skiverband im alpinen Weltcup unterwegs war. Im März wird Gutensohn 44 Jahre alt. Kurz nach ihrer Rückkehr von den Olympischen Winterspielen. In Vancouver tritt sie nicht als TV-Kommentatorin an wie die frühere Kollegin Hilde Gerg, sondern im Renndress am Cypress Mountain. Dann wird Gutensohn am 23. Februar zum vierten Mal bei Olympia starten. 1992 in Albertville, 1994 in Lillehammer und 1998 in Nagano war sie für Deutschland ins Rennen gegangen, weil die Österreicherin nach der Hochzeit mit einem Deutschen Ende der 80er Jahre den Verband gewechselt hatte. Acht Weltcup-Siege feierte Gutensohn, 1990 gewann sie den Abfahrts-Weltcup, nur eine Olympia-Medaille fehlt noch. Noch? "Ach was, so ein Blödsinn", sagt Gutensohn, auf Ziele angesprochen, "so was kannst du nicht planen. Skicross war für mich immer eine Gaudi." Sie liebt eben das Risiko.

"Skicross war für mich immer eine Gaudi"

In der Wintersportszene gilt Gutensohn eher als das, was man als verrücktes Huhn bezeichnet. Bis heute ungebrochen ist ihr Geschwindigkeitsrekord bei einer Weltcup-Abfahrt der Frauen, als sie 1990 in Veysonnaz in der Schweiz mit 138,9 Stundenkilometern am Radargerät vorbeibrauste. Diese Bestmarke sei ungefährdet, meint sie stolz, "die Geschwindigkeiten werden heute eher gedrosselt".

Zum Skicross kam Gutensohn, als ihre erste Karriere und ihre erste Ehe beendet waren. Ihr neuer Partner, er ist 29 Jahre alt, begeisterte sie für die junge Disziplin. "Ich hatte mit dem Skisport schon komplett abgeschlossen", sagt sie. "Doch da mein Weltcup-Debüt gleich mit einem Sieg endete, war es schwer, die Sache wieder ruhen zu lassen. Jetzt bin ich plötzlich wieder mittendrin." Dennoch ist die Qualifikation für Vancouver durchaus bemerkenswert, denn Gutensohn startet bei Olympia erstmals für ihr Heimatland Österreich, wo es an Skifahrerinnen nie mangelt. Allerdings ist sie nicht die einzige ehemalige Alpine, die sich im Skicross versucht. Der Deutsche Martin Fiala und auch der US-Amerikaner Daron Rahlves starten in Vancouver, und es würde nicht verwundern, sollte auch Hermann Maier irgendwann hier auftauchen.

Beim Skicross geht es ordentlich zur Sache

Denn beim Skicross geht es ordentlich zur Sache. Vier Athleten starten gleichzeitig und schießen sich bei Sprüngen und in Kurven regelmäßig gegenseitig von der Piste. Eigentlich sei das der ideale Fernsehsport, findet Katharina Gutensohn, "brutal viel Action, man sieht die Gegner nebeneinander, coole Sprünge, Überholmanöver – da wäre alles da, was ein Sport braucht für Sponsoren und Sender".

Gerade die Häufigkeit der Stürze dürfte Schaulustige anziehen, vor allem wenn die Konstrukteure der Kurse weiterhin allzu willkürlich ihre Schikanen bauen. "Sicher ist das gefährlich", räumt Gutensohn ein. Das Problem an der Sache sei, dass es vom Internationalen Skiverband noch viel zu wenig Regeln im Skicross gebe. "Dass jeder Veranstalter bauen kann, was er will, das ist nicht tragbar. Du kannst nicht fünf Jumps und Hügel und Wellen und Zeug so knapp hintereinander machen, dass sich der Pulk nicht mehr erholt. Da muss es irgendwann knallen, das geht gar nicht anders."

Für die rasende Mama ist das aber noch lange kein Grund, das Tempo zu drosseln. "Ich bin ja nicht scharf darauf, dass ich stürze. Aber die Sportart macht einfach Spaß, die Springerei, der Start, das ist spannend." Vancouver soll nun der krönende Abschluss ihrer zweiten Skikarriere werden. Aber bei Katharina Gutensohn kann man das nie wissen.

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