Porträt Jürgen Klinsmann : Strahlemann und knallharter Chef

Deutschlands berühmtester Fußball-Weltenbummler kommt zurück und hat damit wieder das getan, was er am perfektesten beherrscht: Jürgen Klinsmann hat alle überrascht. Schon als Spieler war der Schwabe anders als die meisten seiner Profi-Kollegen.

Jens Mende[dpa]
Jürgen Klinsmann
Strahlemann: Jürgen Klinsmann. -Foto: ddp

MünchenAls Bundestrainer mischte er den altehrwürdigen Deutschen Fußball-Bund (DFB) auf, brach viele Widerstände und beschritt völlig neue Wege.

Frisches Image für Nationalelf

Der Nationalmannschaft verpasste Klinsmann auf dem Weg zum dritten WM-Platz 2006 ein frisches Image. "Wir müssen uns öffnen und über die Grenzen schauen", hat er zu seinem Lebensmotto gemacht. Der 108-malige Nationalspieler ist nach seiner erfolgreichen Karriere mit Stationen in Italien, England, Monaco und seinem Lebensmittelpunkt in den USA mehr Kosmopolit als Deutscher - Klinsmann passt in keine Schublade.

"Das ist ein spannendes Projekt", beschrieb deshalb auch sein Nachfolger als Bundestrainer, Joachim Löw, das nächste Kapitel in Klinsmanns unangepasstem Leben. Geprägt von seiner Kindheit und Jugend mit seiner Familie in der Bäckerei im beschaulichen Stuttgart-Botnang zog es Jürgen Klinsmann schnell hinaus in die Welt. "Für die Familie, für meine Brüder war und ist es sicher nie einfach, immer wieder auf diesen Bruder angesprochen zu werden. Dennoch haben wir es immer geschafft, dass die Familie funktioniert", sagte der heute 43-jährige, der selbst die Bäcker-Lehre absolviert hatte.

Familie steht über allem

Auch später mit seiner Frau Debbie und den Kindern Jonathan und Leila stellte er die Familie über alles. Vor allem sein 2005 verstorbener Vater Siegfried hat Sohn Jürgen geprägt: "Er sagte immer zu mir: „Bub, mach' keine halben Sachen.'" So nahm der Stürmer Klinsmann seine Profi-Karriere in Stuttgart, bei Inter Mailand, AS Monaco, Tottenham Hotspur, Bayern München, Sampdoria Genua und natürlich in der Nationalmannschaft (47 Tore) mit den Höhepunkten Weltmeister 1990 und Europameister 1996 ebenso selbst in die Hand wie seinen Einstieg als Trainer.

Bei der Management- Agentur SoccerSolutions ging Klinsmann in Kalifornien nochmals in die Lehre, leitete als Einstieg in die Trainer-Laufbahn Fußball- Elitecamps in den USA. Im Sommer 2000 erwarb der gebürtige Göppinger in einem Sonderlehrgang die Lizenz als Fußball-Lehrer. Strahlemann Klinsmann, einerseits knallharter Chef, andererseits intensiv mit seiner Kinderstiftung Agapedia sozial engagiert, war nie der bequeme Mitmensch. Unabhängigkeit bedeutet ihm noch heute alles.

20.000 Klinsmann-Trikots verkauft

Keiner aus dem Fußball-Geschäft weiß genau, was in Klinsmann vorgeht. Bayern-Manager Uli Hoeneß bezeichnete den Spieler Klinsmann als "unbequemsten Verhandlungspartner", der ihm untergekommen sei. Als Klinsmann 1995 zu Bayern ging, brach Euphorie aus. 20.000 Klinsmann- Trikots wurden schon vor seinem ersten Spiel für die Münchner verkauft. "Mit Sicherheit war der FC Bayern der professionellste Klub, bei dem ich gespielt habe", urteilte er später.

Dabei waren die zwei Jahre in München geprägt von Spannungen. Klinsmann wollte sich vom "FC Hollywood" nicht vereinnahmen lassen. Mit Lothar Matthäus hatte er einen großen Rivalen, Details aus Klinsmanns Vertrag tauchten in der Öffentlichkeit auf. Auch wenn es sportlich mit dem Uefa-Cup-Triumph 1996 und der Meisterschaft 1997 die erwarteten Erfolge gab, gipfelte das Bayern-Engagement des Spielers Klinsmann in jenen berühmten Tritt in eine Batterie- Werbetonne. "Es hat sich über Monate so viel angestaut, da sind meine Gefühle mit mir Gassi gegangen", kommentierte er selbst die Szene.

Klinsmann brennt wieder

Der Frust von damals ist für den künftigen Bayern-Trainer mit der Anreiz für die Zukunft. Wie bei der Nationalmannschaft will Klinsmann eine eigene Philosophie prägen, wird Vertraute um sich versammeln und seine Macht ausspielen. So wie einst Torwart-Legende Sepp Maier im DFB-Stab nicht in sein Konzept passte, wird er auch beim FC Bayern vor großen Namen nicht zurückschrecken. Nach der WM war Klinsmann ausgebrannt, jetzt brennt er wieder: "Wenn man bei jedem einzelnen Spieler dann eine Entwicklung feststellt, hat man das Gefühl, einen guten Job zu machen", bemerkte er zu seiner Arbeit als Trainer.

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