Porträt : Sebastian Vettel - der witzige Supertyp

Er gibt seinen Autos Mädchennamen, hört Rock und Beatles und drischt Sprüche. Mit Sebastian Vettel ist eine Art Rebellentum zurückgekehrt in die Formel 1.

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Unseren Jung-Siegfried. So nennt Red-Bull-Chef Mateschitz seinen deutschen Helden. Und der australische Teamkollege Webber macht keinen Hehl aus seiner Eifersucht. Foto: Imago Sportfotodienst
Unseren Jung-Siegfried. So nennt Red-Bull-Chef Mateschitz seinen deutschen Helden. Und der australische Teamkollege Webber macht...Foto: imago sportfotodienst

Sebastian Vettel sitzt auf dem Rücksitz eines Taxis und blickt aus dem Fenster dahin, wo vor drei Jahren nichts als Wüste war. Jetzt sieht er überdimensionierte Hotelraumschiffe und Parkbänke auf menschenleeren, begrünten Boulevards ins Nirgendwo.

Die Insel Yas sieht so aus, wie sich Gestaltungsperfektionisten wie Hausfrauen oder Manager die ideale Welt vorstellen. Alles steht genau da, wo es stehen soll, sogar der Mangrovenwald. Wer sich auf die zum Freizeitpark umgestaltete Wüsteninsel vor den Toren Abu Dhabis begibt, verlässt den Planeten Erde und betritt ein Paralleluniversum aus hellem Beton, blinkendem Stahl und glitzerndem Glas, irgendwo neben der schmalen Linie zwischen Prunk und Protz. Könnte es einen besseren Ort für das Saisonfinale der Scheinwelt Formel 1 geben?

Das Taxi bringt Sebastian Vettel zur Autogrammstunde kurz vor dem ersten Training zum Großen Preis von Abu Dhabi. Hinter ihm fährt das Taxi mit Mark Webber, seinem Kollegen beim Rennstall Red Bull. Die beiden gehören zu den vier Fahrern, die am heutigen Sonntag im letzten Saisonrennen den Titel holen können. „Alles schön praktisch hier“, sagt einer von Vettels Mitfahrern, als das Auto über die breiten Straßen um den pompösen Yas Marina Circuit mit integriertem Jachthafen rollt. „Praktisch schon“, sagt Vettel, „aber irgendwie auch krass. Das ist alles so künstlich.“

Sebastian Vettel ist ein Hauptdarsteller in dieser neuen Kunstwelt, und doch wirkt er wie aus einer anderen Epoche gefallen. Sein verwegener Blick, sein zottelig gewachsenes Haar und seine frechen Sprüche passen eher in eine Ära, als noch wilde Kerle die Boxengasse bevölkerten. Vielleicht mag ihn Bernie Ecclestone deshalb so sehr.

„Vettel ist ein Supertyp, sehr witzig“, sagt der 80-Jährige, der die Formel 1 seit Jahrzehnten lenkt. „Ich bin sein größter Unterstützer.“ Ungeniert lässt Ecclestone schon mal eine Kappe seines Herzenspiloten gut sichtbar in seinem Wagen liegen. Der gerissene Autohändler weiß auch, dass man nur mit stromlinienförmigen Perfektionisten, die neuerdings die Grand-Prix-Szene bestimmen, nicht das Drama der Todesmutigen verkaufen kann. Er braucht Typen mit Charisma, die die aktuelle Streberklasse aufmischen und auch mal von was anderem reden als dem perfekten Reifendruck.

Sebastian Vettel mag den Humor von Otto Waalkes und Monty Python und ist ein täuschend echter Beckenbauer-Imitator. Er gibt seinen Autos Mädchennamen, derzeit ist es „Randy Mandy“. Der 23-Jährige hört die Musik der Generation seiner Eltern, vor allem Rock aus den 70ern. Seine Lieblingsband sind die Beatles, „obwohl die schon lange nichts Neues mehr veröffentlicht haben“. Statt bequem MP3-Dateien herunterzuladen, sucht Vettel lieber in Secondhandshops nach Vinylplatten, weil er die Hüllen und das leise Knacken so mag („Das hat so viel Charakter“). Mit Vettels Ankunft ist ein Hauch schrulligen Rebellentums zurückgekehrt in die Formel 1.

Nicht nur wegen seiner ständig wechselnden Helmbemalung lässt sich der Zimmermannssohn aus Heppenheim in Südhessen nicht richtig greifen. Er entzieht sich den meisten Zwängen des Renngeschäfts; bis heute hat er weder einen Manager noch einen großen privaten Sponsor, die ihm Verpflichtungen abringen könnten. Aus Luxus macht er sich angeblich sowieso nichts: „Ich brauche keine Jacht, ich gehe lieber schwimmen.“ Zwischen den Rennen taucht er regelmäßig ab und ist nicht einmal für sein Team erreichbar. Der Naturbursche gehe dann in den Bergen in der Nähe seines Bauernhofs auf der Schweizer Seite des Bodensees wandern oder besuche Freunde und Familie, heißt es, außerdem schlafe er gern lang und viel.

Das Taxi nähert sich der Bühne mit den johlenden Menschen, die Absperrung biegt sich schon, jeder will den Star berühren. Dabei will Vettel gar kein Star sein. „Ist schon komisch, wenn so Leute an einem rumreißen“, sagt er. „Ich bin doch ein ganz normaler Typ.“ Er hat kein Unterwäschemodel im Arm wie Jenson Button, der ihm im vergangenen Jahr den Titel weggeschnappt hat und ihm gleich noch mit Designersonnenbrille auf der Nase begegnen wird, und auch keine Popsängerin wie der 2008er Champion Lewis Hamilton. Vettels Herz gehört wohl noch immer seiner Hanna, mit der er schon auf dem Gymnasium in Heppenheim zusammen war. Genaueres weiß man nicht, denn Vettel schottet sein Privatleben rigoros ab. Trotz seiner Abneigung gegen den Rummel wird der Deutsche länger seinen Namen auf Faninsignien schreiben als Webber, wie er es meistens tut, denn so, als Fan, hat er ja auch mal angefangen.

Auf der Gokartbahn hat Vettel als Kind immer den Schumi gespielt, in seinem Zimmer hingen Schumi-Poster. Mit nicht einmal vier Jahren hat ihm sein Vater Norbert, ein Hobbyrennfahrer, das erste Kart hingestellt. Gemeinsam reisten sie im Wohnmobil von Kartbahn zu Kartbahn, am liebsten war Vettel in Kerpen, auf der Strecke von Michael Schumacher. Da wurde schließlich der Karthändler Gerhard Noack auf ihn aufmerksam, der auch schon die Fahrkünste des Rekordweltmeisters entdeckt hatte und sofort Parallelen zwischen beiden sah. Er machte Schumacher zu einer Art Patenonkel für den kleinen Sebastian und stellte die Verbindung zu Red Bull her. Knapp ein Jahrzehnt später ist der Hesse mit dem Sinn fürs Abseitige der hauseigene Weltstar des österreichischen Designgetränkeherstellers, der das sportliche Anderssein zur Vermarktungsstrategie erhoben hat.

„Unseren Jung-Siegfried“ nennt Firmenchef Dietrich Mateschitz seinen deutschen Helden. Gestählt wurde und wird der Siegfried im Red-Bull-Trainingszentrum im österreichischen Fuschl. Mateschitz’ Motorsportgeneral Helmut Marko nahm das Talent persönlich unter seine Fittiche. „Die haben auf mich aufgepasst und mich irgendwie auch großgezogen“, sagt Sebastian Vettel.

Die ungewöhnlichen Familienbande und die vielen prominenten Beschützer ziehen Argwohn auf sich. Mark Webber beschwert sich immer wieder, der Deutsche würde systematisch von Red Bull bevorzugt, weil der „Liebling des Teams“ Weltmeister werden solle. Der 34 Jahre alte Australier schleicht durch die Teamzentrale an der Strecke von Abu Dhabi wie der ungeliebte Stiefsohn. Vor der Abfahrt zur Autogrammstunde blättert er in einer Ecke das firmeneigene Rennmagazin durch, das auf dem Tisch liegt, Titel: „Vettel bleibt dran!“ Kann Webber etwa Deutsch lesen? „Ist doch sowieso nur ein Vettel-Magazin, das brauche ich nicht zu lesen“, sagt er schnippisch. „Und ich kriege hier kein eigenes Magazin.“ Dann geht er nach draußen zum Fahrerlager und fragt sich vermutlich wieder einmal, wieso alle Welt den Sonnyboy mit der Surferhose anhimmelt, an dem er „nichts Besonderes“ entdecken kann.

Mit seiner gewinnenden Art hat Sebastian Vettel einen ganzen Konzern hinter sich gebracht, mit seinem ungezähmten Temperament die ganze Formel 1 in seinen Bann gezogen. Der ausgestreckte Zeigefinger, mit dem er laut kreischend seine Siege bejubelt, ist sein Markenzeichen geworden. Und dass Vettel noch andere Finger hat, zeigte er bei seiner Ankunft in Abu Dhabi. Die Geste galt einem Fotografen, der auf den Auslöser drückte.

Auch sonst ist Vettel nicht gerade ein stiller Musterschüler. Er lernt zwar auf jeder Station seiner Grand-Prix-Welttournee ein paar Brocken in der Landessprache, aber am liebsten nutzt er die für flapsige Sprüche. Seinen Kollegen Nico Rosberg hat Vettel allerdings auf Deutsch wegen seines adretten Erscheinungsbilds vor kurzem als schönste Frau der Formel 1 bezeichnet. Mit alldem kommt er durch, weil er sein Unschuldsgrinsen schneller anwerfen kann als den Renault-Motor in seinem Wagen.

Nun soll sich aber niemand täuschen lassen: Unter der Lehrerschreck-Fassade ist Vettel kaum weniger ehrgeizig, strebsam und sturköpfig als die Klassensprecher und beiden anderen Titelkandidaten Hamilton und Fernando Alonso. Wenn es um die Arbeit geht, versteht er keinen Spaß. Er genieße seinen Job, „aber ich bin nicht hier, um Spaß zu haben. Ich habe Ziele und bin gewillt, eine Menge zu opfern, um sie zu erreichen“. Ein hartes tägliches Fitnesstraining und fast vollständige Alkoholabstinenz sind nur ein kleiner Teil seines Programms. So holte er schon mit 19 Jahren bei seinem Grand-Prix-Debüt 2007 als jüngster Fahrer überhaupt einen WM-Punkt, ein Jahr später gewann er in Monza als jüngster Fahrer einen Grand Prix. Und so will er sich auch seinen großen Traum erfüllen: Weltmeister werden.

Diesen Weg beschreitet Vettel als Einzelgänger, der Nestwärme braucht. Wann immer es geht, begleiten ihn Familienmitglieder zu den Rennen, auch in Abu Dhabi sind die Vettels in Clangröße im Fahrerlager aufgeschlagen. Sie alle wissen um seine größte Stärke, die auch seine größte Schwäche ist: Er sei eigensinnig, könne nicht teilen, wolle immer der Beste sein, sagt Vettel über sich selbst. „Diesen Zwang braucht man, wenn man erfolgreich sein will.“

Wenn es nicht läuft, wird aus dem lustigen Buben ganz schnell ein trotziger. Als er einmal auf dem Formel-1-Podest mit finsterer Miene einen zweiten Platz betrauerte, sagte ihm ein langjähriger Weggefährte: „Du kannst doch nicht immer ein Gesicht wie beim Weltuntergang machen, wenn du nicht gewinnst.“ Aber Vettel kann nicht anders.

Bei allem Ehrgeiz geht er immerhin nicht ganz so verbissen an die Sache heran wie sein Vorbild aus der Mercedes-Garage nebenan. Wer Formel-1-Weltmeister werden will, muss nicht nur gut fahren, sondern auch gut führen können. Seine Mitarbeiter beschreiben ihn als locker und umgänglich, wenn auch fordernd. Ungeduldig sei er, bei ihm müsse immer „alles zackzack“ gehen.

Die Fahrt zur Autogrammstunde zum Beispiel verläuft jetzt ein bisschen zu langsam nach Vettels Geschmack. „Sie können ruhig ein bisschen draufdrücken!“, ruft er dem Fahrer zu, der extrem vorsichtig unterwegs ist. Der Chauffeur antwortet nur mit einem unbestimmten Murmeln, schließlich fügt sich der Passagier in sein Schicksal und kommentiert die Schleichfahrt mit wachsender Belustigung: „So schnell ist der noch nie gefahren, dem ist schon schwindlig. Achtung, gleich dreht er sich raus.“

Das mit dem Rausdrehen hat Vettel in dieser Saison schon zu oft miterlebt. Vor allem technische Pannen haben ihn viele Punkte gekostet, ein paar selbst verschuldete Crashs und Patzer waren auch dabei. Trotzdem kann der derzeitige WM-Dritte beim Dämmerungsrennen auf dem Yas Marina Circuit noch der jüngste Weltmeister der Grand-Prix-Geschichte werden. In der Startaufstellung wird er heute zum zehnten Mal in dieser Saison seinen Lieblingsplatz einnehmen: erste Reihe, ganz vorn. Und aufgegeben wird bis zur Ziellinie nicht, das hat er von Schumacher gelernt.

Den Schatten seines Kindheitsidols hat Vettel inzwischen hinter sich gelassen. Seit er dem zurückgekehrten Rekordweltmeister vor der Nase herumfährt, hat er auch die Zweifler verstummen lassen, die ihm die Eignung als Erbe der Legende abgesprochen haben.

Schumachers Bekanntheitsgrad aber hat Vettel noch nicht erreicht. Die Sicherheitsleute wollen das Taxi nicht an die Strecke lassen; sie erkennen den prominenten Insassen nicht. Vettel ärgert das nicht, er versucht es mit Charme. „Der lässt uns doch nur kurz raus und fährt dann gleich weiter“, sagt er und lächelt entwaffnend. „Okay, fahrt durch“, sagt der Einlasser.

Wortlos gehen Vettel und Webber hintereinander auf die Bühne, vor der sich ein paar hundert Fans drängen. Mit genügend Sicherheitsabstand voneinander schreiben sie zwei riesige Stapel Autogrammkarten herunter, hinter ihnen wackelt eine Pappwand mit den Konterfeis aller Formel-1-Weltmeister. Einer von beiden könnte am Sonntag dazukommen.

Nach einer weiteren zu langsamen Fahrt steht Vettel kurz darauf vor dem Eingang zur Boxengasse. Er schaut ungläubig nach oben. „Wieso regnet das hier, mitten in der Wüste? Ich dachte, das gibt es gar nicht.“ Sofort geht sein Blick zurück auf den dampfenden Boden, und innerhalb von Sekundenbruchteilen ist aus dem Sonnyboy Seb der Rennfahrer Vettel geworden. „Ich überlege, ob es überhaupt Sinn macht, jetzt auf die Strecke zu fahren.“

Ein paar Minuten später hat sich Sebastian Vettel aus seinen Shorts in den Rennanzug geworfen und schreitet auf die Garage zu, wo seine Mandy bereits knurrend auf ihn wartet. Seine Augen fixieren ein fernes Ziel, die Ohren sind verstöpselt und seine Lippen schmal geworden. Kein Grinsen in Sicht. Die Zeit für Späße ist vorbei.

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