Sport : Portugal, umarme mich

Der Sieg gegen England lässt Trainer Scolari in der neuen Heimat ankommen

Sven Goldmann[Lissabon]

Donnerstagabend in Lissabon. Es ist 22.26 Uhr, als der portugiesische Mikrokosmos im Estadio da Luz so etwas feiert wie die nationale Wiedergeburt. Gerade hat Torhüter Ricardo den Gastgeber der Fußball-EM ins Halbfinale geschossen. England ist 8:7 besiegt, das 2:2 nach regulärer Spielzeit mitgerechnet. Rot-grüne Tücher verhüllen das Dunkel der Nacht, und der größte Sieger hält neben der portugiesischen eine brasilianische Fahne in die Kameras. Es ist Luiz Felipe Scolari. Der brasilianische Trainer der Selecao hat nicht nur England besiegt, er hat auch den Machtkampf mit dem portugiesischen Volkshelden Luis Figo gewonnen.

Scolari ist ein Mann, der es einem nicht immer leicht macht, ihn zu mögen. Wenn man den Brasilianer nach dem Sinn taktischer Maßnahmen fragt, verweist er auf die Titel, die er gewonnen hat, „es sind sechzehn, wissen Sie, sechzehn“. Vor zwei Jahren hat er Brasilien zum WM-Titel geführt, sich dann mit dem Verband angelegt und den Job in Portugal angenommen. Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Einbürgerung seines Landsmannes Deco, was ihm die Gegnerschaft des patriotisch gesinnten Figo einbrachte. Figos Wort zählt in Portugal. Dem Mittelfeldspieler von Real Madrid bringen sie eine Verehrung entgegen wie nur noch einem Fußballer: Eusebio. Vom Torjäger der Sechzigerjahre, der aus Mosambik zu Benfica Lissabon kam, haben sie im Estadio da Luz eine Statue in Lebensgröße aufgestellt.

Luis Figo gilt als legitimer Nachfolger. Gegen England macht er sein bestes Spiel bei dieser EM, er holt alles aus seinem 31 Jahre alten Körper heraus. 15 Minuten vor Schluss reicht die Kraft noch für einen raffinierten Drehschuss, den Englands Torhüter mühsam abwehrt. Eckball. Figo trabt zur Ausführung, da kommt Stürmer Nuno Gomes und tippt ihn an. Figo dreht sich um, schaut zur Trainerbank und sieht die Leuchttafel mit seiner Nummer sieben. Er soll raus. Kurz vor Schluss, bei einem 0:1 bei seinem letzten großen Turnier. Er stockt, schüttelt den Kopf. Dann verlässt er den Platz, an der Eckfahne, provozierend langsam schreitet er die Grundlinie entlang. Eine Welle rollt durchs Stadion, immer dort, wo Figo vorbeikommt, erheben sich die Fans zum Beifall. Der Ausgemusterte verschwindet in den Katakomben, er schaut nicht hinüber zu Scolari. Der sagt später, es sei ihm egal, was ein Spieler nach der Auswechslung tut, „hauptsache, er macht seine Arbeit macht“.

Figo stellt den Dienst am Vaterland für diesen Abend ein. Der dramatischen Wendung des Spiel wohnt er nicht bei. Er verpasst, dass der für ihn eingewechselte Helder Postiga den Ausgleich schafft. Ihm entgeht, was viele Fans als Versöhnungsgeste auffassen, die Einwechslung von Figos altem Kumpel Rui Costa. Der Mann vom AC Mailand, von Scolari zu Turnierbeginn wegen läuferischer Defizite ausgemustert, rafft sich zu einer grandiosen Leistung auf. Als er den Ball nach zwanzig Minuten der Verlängerung mit Präzision zum 2:1 unter die Latte des englischen Tores jagt, wähnen sich die Portugiesen im Halbfinale. Sie werden übermütig, der junge Cristiano Ronaldo steigt auf den Ball, tänzelt, schießt knapp am Tor vorbei und dreht lachend ab.

Figo hätte dem Leichtsinn mit seiner Autorität Grenzen setzen können, doch er ist nicht da. Fünf Minuten vor Schluss schafft Englands Frank Lampard das 2:2. Elfmeterschießen. Scolari pickt fünf Schützen heraus, der Rest stellt sich an der Bank auf. Spieler, Masseur, Trainerstab, 19 Portugiesen verfolgen Arm in Arm das finale Drama. Nur Figo fehlt. Er jubelt nicht mit, als David Beckham, sein Kollege bei Real Madrid, den Ball in den Himmel drischt. Er leidet nicht mit, als Rui Costa den Vorsprung per Fehlschuss vergibt. Er hält nicht den Atem an, als der junge Postiga Portugal mit einem an Dreistigkeit schwer zu überbietenden Elfmeter im Wettbewerb hält. Er sieht nicht, wie Torhüter Ricardo seine Handschuhe wegwirft, mit bloßen Händen den Elfmeter von Darius Vassell abwehrt und dann selbst zum letzten Schuss schreitet. Ricardo trifft. Portugal jubelt.

Und Luis Figo? Trainer Scolari erzählt später, sein Kapitän habe das Elfmeterschießen betend vor einem Fernsehgerät in der Kabine verfolgt. Darüber wird zu reden sein, in den nächsten Tagen, vielleicht in den nächsten Jahren. Figo hat seinen Ruf als Volksheld aufs Spiel gesetzt. Wie sich ein solcher verhält, hat ihm Eusebio gezeigt. Der alte Mann hüpft mit seinem dicken Bauch über den Rasen, er herzt jeden Spieler, und am innigsten umarmt er – Luiz Felipe Scolari.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben