• Portugals Nationalcoach: Scolari wird Trainer bei Chelsea? Ja, klar - wer denn sonst?

Portugals Nationalcoach : Scolari wird Trainer bei Chelsea? Ja, klar - wer denn sonst?

Ab 1. Juli wird der portugiesische Nationaltrainer Luis Felipe Scolari neuer Coach beim englischen Spitzenklub FC Chelsea - und damit von Michael Ballack. "Er war die erste Wahl für uns", teilte der Verein mit - eine gute Entscheidung.

Sven Goldmann[Genf]
Neuer Chelsea-Coach Foto: AFP
Er hat Erfolg und er war auf dem Markt. Scolari wird nach der EM Trainer von Michael Ballack.Foto: AFP

Luis Felipe Scolari also. Natürlich. Wer denn sonst? Am späten Mittwochabend, kurz nachdem Scolaris Portugiesen 3:1 gegen Tschechien gesiegt und damit vorzeitig das EM-Viertelfinale erreicht hatten, gab der FC Chelsea die Verpflichtung des brasilianischen Fußballlehrers bekannt. "Felipe Scolaria hat große Qualitäten", hieß es in der kurzen Mitteilung, die der Londoner Klub verschickt hatte. "Er ist einer der besten Trainer der Welt." Scolari sei fähig, "das beste aus einer talentierten Mannschaft herauszuholen. Seine Einstellungen und Erwartungen entsprechen unseren." Und dann: "Er war die erste Wahl für uns."

Im Rückblick verwundert es, dass Scolari nicht von vornherein als erster Favorit auf den seit drei Wochen vakanten Job bei Michael Ballacks Klub gehandelt wurde. Chelsea und Scolari, das passt. Da haben sich zwei gefunden, die sich vielleicht nicht gesucht haben, aber doch für einander bestimmt sind.

Auf der einen Seite Roman Abramowitsch, der milliardenschwere Finanzier des Londoner Traditionsklubs, dem die Tradition langsam zu viel wird, weil sie kein Äquivalent in der Gegenwart findet. Abramowitsch hat die besten Spieler der Welt zusammengekauft und muss doch in jedem Jahr aufs Neue erkennen, dass die besten Spieler noch lange nicht die beste Mannschaft ergeben.

Auf der anderen Seite Luiz Felipe Scolari. Ein Trainer mit drei Vorzügen. Er hat Erfolg. Er ist auf dem Markt. Und, am wichtigsten: Er sucht, mit bald 60 Jahren, eine neue Herausforderung. Scolari war 2002 Weltmeister mit Brasilien, er hat die zuvor mittelmäßigen Portugiesen aus dem Stand zu einer europäischen Topmannschaft gemacht und wurde 2004 Vize-Europameister. Seinen Abschied aus Portugal hat er lange angekündigt. Vor zwei Jahren hätte er Trainer der englischen Nationalmannschaft werden können, aber Scolari hat abgewunken. Kein Interesse, keine Perspektive. Was hätte England bieten können, was er in Portugal nicht längst erreicht hat? Diese Perspektive bietet Chelsea: zu zeigen, dass eine aus aller Welt zusammengekaufte Mannschaft auch Erfolg haben kann.

Scolaris Verpflichtung ist ein bei Chelsea nicht unbedingt erwartetes Signal. Sie steht für Kontinuität, und zwar im positiven Sinne. Der Brasilianer will das fortzusetzen, was der Portugiese José Mourinho an der Stamford Bridge versucht hat aufzubauen. Der unglückselige Israeli Avram Grant war wohl nie mehr als eine Übergangslösung – vielleicht sogar deshalb, weil Scolari noch nicht frei war, als Mourinho im vergangenen Herbst gehen musste. Scolari und Mourinho sind in ihrer Fußballphilosophie nicht so weit auseinander. Beide teilen sie die eine eher defensive Grundauffassung des Spiels. Auch Portugal ist eine eher defensiv orientierte Mannschaft. Sie kommt ja auch diesen EM-Tagen nicht gerade wie ein Gewitter des Angriffsfußballs über die Alpen. Es ist die technische Perfektion, die das portugiesische Spiel so schön macht. Die Klugheit, das Tempo. Die Minimierung möglicher Fehlerquellen. Alles basiert auf taktischer Disziplin in der Defensive. Der Rest kommt von ganz allein.

Die wichtigste Figur im portugiesischen Spiel ist mitnichten Cristiano Ronaldo. Er kann im Zweifelsfall den Unterschied machen, aber als strategische Basis für Scolaris Fußball ist ein Spielkind, das seine Fähigkeiten ausschließlich jenseits der Mittellinie entfaltet, denkbar ungeeignet – selbst wenn es sich bei diesem Spielkind um den derzeit besten Fußballspieler der Welt handelt. Scolaris Vertrauensmänner verrichten ihre Arbeit bevorzugt auf der anderen Seite des Platzes. Ricardo Carvalho, der Innenverteidiger, den Mourinho so gern zu seinem neuen Klub Inter Mailand holen würde. Sein Nebenmann Pepe, der eingebürgerte Brasilianer, der sein Geld bei Real Madrid verdient. Und Deco, auch er ein gebürtiger Brasilianer, der vor sechs Jahren den portugiesischen Pass bekam, gegen den heftigen Widerstand des Nationalhelden Luis Figo, der Decos Bekenntnis zur Nation in Frage stellte. Scolari aber machte die Causa Deco zu einer Frage seiner persönlichen Glaubwürdigkeit. Er gewann den Machtkampf gegen Figo. Wer so eine Prüfung besteht, muss auch die Auseinandersetzung mit Roman Abramowitsch nicht fürchten.

Was Scolaris Inthronisierung für Michael Ballack bedeutet? Es hätte ihn kaum besser treffen können. Ballack steht wie kaum ein anderer für den Idealtypus des Scolarischen Spiels. Er interpretiert das Mittelfeldspiel genauso, wie es der Meister mag. Ballack spielt wie Deco, nur viel körperbetonter, kopfballstärker und noch stringenter. Wenn Scolari sich einen Spieler wie für die portugiesische Mannschaft wünschen könnte, würde er einen wie Ballack wählen. In Chelsea bekommt er ihn ohne jede Gegenleistung. Er muss ihn nicht mal einbürgern.

Sind in dieser Nacht noch Fragen offen? Ja, aber müssen die erst einmal warten. "Aus Respekt vor seiner momentanen Rolle als portugiesischer Nationaltrainer und um sicher zu gehen, dass seine Arbeit so wenig wie möglich gestört wird", schrieb der Klub weiter, "wird es keinen weiteren Kommentar vom FC Chelsea oder von Felipe zu seiner neuen Aufgabe geben, bis seine Beschäftigung bei uns beginnt." Das war alles, hier endet die Mail. Scolari tritt am Sonntag mit seinem Team gegen die Schweiz an. Und wenn es gut läuft, steht sie am 29. Juni im EM-Finale. Einen Tag hätte Scolari dann immerhin Urlaub. Sein Arbeitsvertrag in London beginnt am 1. Juli.

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